Essays

Vom Rumlaufen und Sitzenbleiben

png16Eine wehmütige Erinnerung an die gemütvollen Ursprünge der Philosophie - oder Wie maßgeblich ist die Gegenwart?


Vielleicht war der Mann nicht ganz richtig im Kopf? Sein Haus lag mitten in der Stadt, aber selten ließ er sich blicken auf öffentlichem Gelände. Sich nicht in öffentliche Angelegenheiten zu mischen, in Dinge also, die jeden angingen, galt damals als Idiotie; die ausschließliche Sorge um das Idios, das Eigene, Selbstbezügliche, wurde als degoutant empfunden. Doch nicht genug, daß der Mann sich ganz unbekümmert von seinen Mitbürgern abwandte. Schlimmer noch: man mußte bezweifeln, ob er überhaupt bemerkte, sich in Gesellschaft anderer Menschen zu befinden. Stets vergaß er, die Tür seines Hauses zu schließen, als gäbe es keine Diebe und Bettler in der Stadt. Gewiß waren jene auch schon eingedrungen. Aber das war lange her, denn viel gab es dort nicht zu holen; jedenfalls nichts, was Leute, die sich auf der Höhe der Zeit befanden, hätten gebrauchen können. Es war unvermeidlich, von der Straße aus durch die offene Haustür zu blicken. Und was man dort zu sehen bekam, war mehr als ärgerlich: Der Hausherr spazierte, abwechselnd mit auf dem Rücken verschränkten Armen oder wild in der Luft herumgestikulierend, im Laubgarten seines Innenhofes herum und sprach laut mit sich selbst. Dabei machte er einen höchst angeregten Eindruck. Ein starkes Stück! Die Abwesenheit etwaiger Gesprächspartner schien ihn eher zu beflügeln als zu hemmen. Der Mann konnte nur verrückt sein.

Irgendwann muß ein gelangweiltes Bürgersöhnchen der Hafer gestochen haben. Er ging hinein und hörte sich genauer an, was der seltsame Vogel zu erzählen hatte. Am nächsten Tag berichtete er seinen Freunden, wie unterhaltsam es gewesen war. Man kehrte zurück, und diesmal war man schon zu dritt. So entwickelte sich die Sache. Bald schlürfte ein beachtlicher Pulk gutgekleideter junger Leute hinter dem einsamen Spaziergänger hinterher und lauschte verblüfft dem Selbstgespräch. Dann geschah etwas Außerordentliches: Es muß eine scharfe dialektische Wendung in den Gedanken des Selbsterregers gewesen sein. Jedenfalls machte er abrupt auf dem Absatz kehrt – und stieß mit dem Vordersten seiner Verfolger schmerzhaft zusammen. Er erwachte aus seiner Versunkenheit und fragte empört, welche Idioten sich seinen Gedankenpfaden in den Weg stellten. So kam man ins Gespräch. Der Hausherr änderte seine Gewohnheiten nicht, aber die Besucher paßten besser auf und bildeten gedankenschnell eine Gasse, sobald sich wieder eine dialektische Wendung ergab. Zur Belohnung für die Rücksichtnahme durften ab und zu Fragen gestellt werden.

Die meisten Städter blieben trotzdem draußen. Das Betreten des Hauses ließen sich die jungen Leute nicht mehr verbieten, aber die Alten und draußen Gebliebenen gaben den Kindern mitsamt dem alten Narren einen Namen, mit dem sich leben ließ: Sie nannten die abwegige Gesellschaft einfach Rumläufer, Peripatetiker! Damit war das Ärgernis hinreichend gekennzeichnet. Nutzlos, aber harmlos. Eine Schande zwar, daß die eigenen Sprößlinge da mitmachten, aber vielleicht besser noch als Unfug treiben in trostlosen Spelunken.

Damit hätte die unersprießliche Sache erledigt sein und von der nächsten Modewelle spurlos überspült werden können. Doch es kam anders. Die weithin berühmte Stadt war wenige Generationen später am Ende, ihre Mauern geschleift und der Name Athen nur noch eine wehmütige Erinnerung. Aber jene Gedankenschule, die sich da gebildet hatte, überdauerte Jahrhunderte. Ihre Gründerväter, Plato und Aristoteles, kennt heute jedes Kind. Doch wie hießen jene Heroen, die Sparta vom Erdboden vertilgt und die Persische Flotte auf den Grund des Meeres versenkt hatten? - So harmlos waren die Rumläufer offenbar nicht gewesen. Inzwischen tragen die Herren eine andere Bezeichnung: Jetzt nennt man sie Philosophen, Freunde der Weisheit. Der alte, weniger ehrenhafte Name jedoch hätte es verdient, erhalten zu bleiben, denn er berührt trotz seiner Despektierlichkeit den Kern der Sache.

Der Mensch, das Tier, das verstehen will, steckt in einer Welt, die dem Wunsch nach Erkenntnis ziemlich gleichgültig gegenübersteht. Die ontologische Selbstverständlichkeit, mit der alles, was der Fall ist, eintritt und wieder vergeht, ohne auf den um Erkenntnis ringenden Menschen zu warten, reizt jedes nachdenkliche Subjekt bis aufs Blut. Die Dinge derart gleichgültig über seinen Kopf hinweggleiten zu fühlen, kann einen nach oben offenen Geist nicht unberührt lassen. Will er auch nur den geringsten Zipfel von Wahrheit zu fassen kriegen, muß er sich selbst in Bewegung setzen. Das ist das erste, was er begreift. Also macht er sich auf die Socken. Alle tun das. Darin haben Plato und Aristoteles sich von niemandem unterschieden. Aber während andere den Fehler gemacht haben, sich zielgerichtet, also teleologisch fortzubewegen, sind die beiden Sonderlinge einfach nur rumgelaufen. Im Kreise obendrein. Die Zielstrebigen hielten es immer für eine Tugend zu wissen, woher sie kamen und wohin sie wollten. Die Kreisbewegung erschien ihnen als Gipfel der Nutzlosigkeit, reine Verschwendung. Deshalb blickten sie mit Verachtung in den Hof, wo man nur vor sich hinkreiselte.

Die Rumläufer jedoch entdeckten den Vorteil der Wiederholung, die stete Rückkehr an den Anfang, den Reiz der Wiederkehr. Das Geheimnis der kreiselnden Ziellosigkeit ist Außenstehenden schwer zu erklären. Soviel steht jedenfalls fest: Schon den einsamen Rumläufer überwältigte Erkenntnis so sehr, daß er den Mund nicht halten konnte. Den Hinzugeströmten erging es ebenso. Und als sie aneinander stießen, nahmen sie ein Gespräch auf, das unter den Bedürftigen bis heute andauert.

Sensorisch betrachtet, bestimmt ein Vergnügen. Doch es bleibt dabei, daß der Mensch mehr ist als ein rezeptiver Automat, dem nur die passenden Reize zugeführt werden müssen, um sich wohl zu befinden. Die Sitzenbleiber von heute lehren schon jetzt: sie sind verstummt und arg herabgemindert! Erstaunlich wortkarg in der ewigen Gegenwart festsitzend scheint es, als ginge nichts in ihnen vor, dem noch Ausdruck verliehen werden müßte. Der Eindruck täuscht. Es rumort beträchtlich. Doch was da rumort, ist etwas peinlich und enttäuscht die Erwartungen: Das Wohlbefinden will nicht befriedigen. Man befindet sich wieder am Ausgangspunkt. Das sollte eigentlich vermieden werden, daß der Kreis sich schließt, den man voller Selbstbewußtsein glaubte übersprungen zu haben.

Vergnüglichkeit ohne Erkenntnis ist wenig sättigend. Das Defizit bringt es an den Tag. Umgekehrt wird ein Genuß daraus: nur Erkenntnis macht vergnüglich. Den richtungstreuen Sitzenbleibern dämmert der Gedanke erst spät auf ihrer ballistischen Lebensbahn. Die plauderhaften Rumläufer hatten den Bogen schon nach der dritten Runde heraus. Erheben wir uns also aus den Sitzen und nehmen die Einladung an. Tauchen wir ein in den Strudel endloser Gespräche, und entreißen den Rumläufern die Erkenntnis, die jene nicht allein für sich gepachtet haben.

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