Essays

Die Straße

04 piratAn vielen Orten ist Gefahr notorisch. Auf den Straßen ist sie obligatorisch. Der Autor nimmt sich mehr vor, als eine menschenfreundliche Straßenverkehrsordnung zu skizzieren. Es geht darum, Gefährlichkeit als Funktion gesellschaftlichen Umgangs zu denunzieren. Es sollte einmal notiert werden, daß Kraftmeierei und strukturelle Aggression lediglich Begleiterscheinungen minderwertiger Selbstbewußtseine sind.


Da sie nie allein betreten wird, ist die Straße per de­finitio­nem ein Ort der Selbst­behaup­tung. Es genügt, das Haus zu verlassen. Gleich hinter der Tür beginnt die Schußbahn der Irrläufer. Deshalb lernen Kinder vor dem Alphabet, erst nach links und dann nach rechts zu schauen. Später mün­den die Unterweisungen in die Straßen­verkehrs­ordnung. Die StVO ist jene Einbil­dungskraft, mit der ein Verhalten vorstellbar wird, das Straßenverkehr erlauben würde. Als Vorwand und Leit­faden zur Klä­rung zahlloser Schadener­satzan­sprüche sei ihr Nutzen zugestanden. Eine tragfähige Ordnung schafft sie nicht. Es wird eingewendet, gesetzliche Regelun­gen garantierten zwar keine reibungsl­ose Ord­nung, aber immerhin eine beachtli­che Annäherung an sie. Genau dies ist ihre tückische Seite: Der äußere Anschein ihrer Gel­tung verleitet zum Verlaß auf sie. So gibt es eindeutige Be­stimmungen für das »zulässige Gesamt­gewicht« eines jeden Fahrzeuges, womit die Verkehrsteilne­hmer im­plizite aufge­fordert werden, sich so zu verhalten als besäße jedes Fahr­zeug die vom Hersteller verbürgten Fahreigenschaf­ten. Wenn trotzdem ein Vierzig­tonner über die Leit­planke geflo­gen kommt, ist zwar ein Straftatbe­stand gegeben, aber die Verblüffung trotzdem groß. Hier­über schweigt die StVO. Propagandisten des Prinzips von der Regelbarkeit des Le­bens polem­isieren im Schadensfall gerne gegen den unausrottbar­en Leichtsinn und träumen von der Aus­rottung des Leichtsinns. Sie wollen nicht wahrhaben, daß die Mensch­heit oftmals dem unverant­wortlichen Leichtsinn die er­staun­lichsten evolutionären Sprünge verdankt, daß Leichtsinn, Über­mut, Lust am Risiko und Ahnungs­losigkeit bis an die durchlässige Grenze der Dämlich­keit wichtige Bestand­teile des Lebens sind — wenn­gleich nicht jedermanns Sache.

Vorschriften, die ihr Versprechen auf Herstellung verläßli­cher Si­cherheiten ernst­haft einlö­sen wollen, müßten a) auf ihre zwangsbedingte Unvoll­stän­digkeit verweisen und b) auf das periodi­sche Auf­treten von Umständen, die sich einen Kehricht um die gu­ten Absichten der Betei­ligten scheren (inklusive techni­sche Pannen, un­glückliche Zufälle, etc.). Infolge­dessen müßte in der Präambel je­der Vor­schrift vermerkt sein: »Handele so, daß die Auswirkungen Deines Tuns jederzeit zugleich in den Rah­men einer allgemei­nen Unvorhersehbarkeit passen!« — Mit anderen Worten: Die einzig redliche Vor­schrift ist die sich selbst be­streitende — die kategorische Vorschrift als auto-de­mentierendes Regu­lativ!

Zurück zum Leben und Sterben auf der Straße. Längst ist sie ihrer primären Funktion als Un­terlage der Fortbewe­gung entwachsen. Ebenso wenig hat sie als Promenade der Eitelkeiten halt­gemacht. In­zwischen ist sie zum Test- und Übungsgelände gefährlicher Ambi­tio­nen emanzi­piert. Hier begegnen sich gedrillte Subjekte und zeigen einander die In­strumente. Die Vorwände sind immer dieselben und ba­nal bis zum La­chen: Offen­sichtlich hat jeder seinen Aus­gangsort zehn Mi­nuten zu spät verlassen. Es geht um Rück­ge­win­nung von Zeit. Je später sich jemand auf die Renn­bahn wirft, desto schneller will er wieder herunter. Dabei steht man sich mit Tempo 130 noch im Wege. Autos werden zu Waffen. Man kann mit ihnen erschrecken1. Euphemismen beherr­schen die Szene. Letale Zonen werden »Bremswege« genannt, als ob das Schlimmste, was ei­nem Automo­bilisten (Selbstbeweger!) passieren kann, das Anhal­ten wäre. Prell­wände mutieren zu »Leitplan­ken« und »Unfälle« sind — wie der Name schon sagt — Fälle, die es ei­gent­lich nicht gibt; eine me­taphysische Ei­gen­schaft, die häu­fig auch Fußgängern zu­ge­schrieben wird. — Damit treten wir ein in den Abschnitt...

1Der Schreck macht ein Ding zur Waffe, ist dessen sicherster Indikator; nicht die Fä­higkeit zu töten oder zu verletzen.