Essays

Ökotalismus

 12 muellJener Wohlstand, den verwöhnte Naturen wie wir meinen und gewohnt sind, ist mit ökologischen Ansprüchen nicht zu vereinbaren.

Diesen schlichten, aber kränkenden Hauptsatz uns allen einzubläuen, darum geht es hier. Wir versuchen noch immer redlich und auf hohem technischen Niveau, den Bären zu waschen, ohne sein Fell naß zu machen. Wie lange wird der Waschbär unsere frommen Wünsche, ein ethisch und hygienisch sauberer Kapitalismus sei machbar, noch abwartend begleiten? Freie Marktwirtschaft - ja; entfesselte Gier - nein! Wie stellen wir uns das vor? Sind wir so dumm? Oder tun wir nur so?


Der Kapitalismus steckt in der Krise. - Hilfe naht: der Öko-Kapitalismus.[1] Aber wen überwindet der Öko-Kapitalismus? Den Kapitalismus oder die Krise des Kapitalismus?

Hier wird die These vertreten: Öko-Kapitalismus ist Krisenlösung; ein Reparaturprogramm, das nicht dazu dient, die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu überwinden, sondern sie zu stabilisieren und eine neue leistungsstarke Ära des Kapitalismus einzuläuten. Schon »Das Kapital« betont, der Kapitalismus brauche »die Krise«, wie der Fisch das Wasser: Sie ist sein Lebenselixier, sein Jungbrunnen und in periodischen Abständen sein Stahlbad (Stichwort: »Imperialistische Kriege«). Nach Marx ist Kapitalismus ohne Krise so wenig denkbar wie Eisenbahnen ohne Entgleisungen oder elektrischer Strom ohne Kurzschlüsse. Aber Marx war kein Defätist sondern Dialektiker; er wußte, daß Krisen nicht ad ultimo zur Erneuerung führen. Es gibt - bzw. gab - Krisen, die über die Integrationskraft der jeweils herrschenden Gesellschaftsordnung hinausgehen und sie zersprengen. Das wäre dann der Umschlag von Quantität in Qualität.

So waren Ablaßbriefe - zunächst nur ein Krisensymptom - der Abgesang des Fundamentalkatholizismus, die verschleppte Bodenfrage der Untergang des Feudalismus, und die Einführung von Distanzwaffen der Sargnagel der Spießer und Landsknechte. Die Schwierigkeit liegt darin, die finale Krise im Vorfeld zu erkennen - denn wie gesagt: eine Krise macht noch keinen Sommer! Die Krise des Kapitalismus von heute ist eine ökologische Krise. ”Wird es auch seine letzte sein?” lautet die bange Frage.

Hierin war Marx etwas leichtfertig. Bekanntlich hielt er schon die progressive Verelendung des Proletariats für hinreichend, um die baldige Abdankung des Kapitalismus in den fortgeschrittenen Ländern Europas noch im Laufe des 19. Jahrhunderts zu antizipieren. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert ist sehr zu unserem Verdruß zu konstatieren: Hier irrte Charlie.[2] Der Kapitalismus hat seitdem noch ganz andere Krisen überstanden, und Europa ist das geringste seiner Probleme! Die Leichtfertigkeit im einen führte zu Unterlassungen im anderen. Es wäre wert gewesen, der Frage nachzugehen (und zwar in aller Ausführlichkeit), ob gesellschaftliche Sprengkraft krisenimmanent ist oder ob das Sprengende durch Aktion in sie hinein getragen wird? Anders gefragt: Führen ”große Krisen” automatisch zu ”großen Veränderungen”? Oder ist Strategie das Wesentliche, was Krisen explodieren läßt, seien sie nun ”klein oder groß”?

Orthodoxe Kreise neigen dazu - woran Marx nicht ganz unschuldig ist -, einen gewissen Automatismus anzunehmen, der einem obsoleten System zwangsläufig und von alleine den Gnadenstoß versetzt (Stichwort: »Historischer Materialismus«). In aufgeklärten Schulen wird diese antiquierte Dogmatik nicht mehr gelehrt. Es hieße jedoch, das Kind mit dem Bade auszuschütten, aufgrund enttäuschter Erwartungen und verpaßter Revolutionen den Boden des dialektischen Materialismus zu verlassen, um ausgerechnet mit bürgerlichen Methoden die Bourgeoisie von sich selbst zu erlösen.

Öko-Kapitalismus - schon sprachlich der Wurmfortsatz einer ziemlich angegrauten Wirtschaftsordnung - ist der Versuch, das Wunder der Verwandlung von Wasser in Wein zu wiederholen. Der Wohlstand, seit dem Biedermeier das Primärziel des emanzipierten Bürgertums, soll nicht nur erhalten, sondern vervielfacht werden, und zwar in seiner verdinglichsten Form. Lohnarbeit soll wieder allen offen stehen, als ob der Traum des sich reproduzierenden Subjektes darin bestünde, als abhängig Beschäftigter im gesicherten Mittelstand zur Ruhe zu kommen. Die Wirtschaft soll Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen und politischen Lebens bleiben, anstatt - zwecks Erfüllung der Grundbedürfnisse - zum peripheren und dezentralen Appendix einer nach Autonomie strebenden Assoziation freier Menschen gesund zu schrumpfen. Und die Kapitalströme hätten endgültig ihren Schrecken verloren; es genüge, sie an ein paar wunden Stellen ”aufkommensneutral” umzuleiten.

Der Kapitalismus soll sich von seiner ökologischen Schokoladenseite zeigen, ressourcen- und menschenfreundlich. - Eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist das nicht! Neu ist die Chuzpe, mit der er sich als Heilsbringer und definitives Füllhorn geriert. Schauen wir uns diesen deus ex machina genauer an:

Die Öko-Steuer spielt eine zentrale Rolle. Steuerpolitik ist administrative Preispolitik ist organisierte Akkumulation ist Signifikant der Zirkulation von Kapital, privatem Kapital. Dieses Privatkapital, entstanden aus dem enteigneten Mehrwert gesellschaftlicher Arbeit, wird nicht etwa den Eigentümern rückerstattet, sondern durch Einspeisung in krisenresistente Kanäle neuer Effektivität zugeführt. Effektivitätssteigerung von Kapital führt grundsätzlich zum Anstieg der Ausbeutungsrate.

Bisher stützte sich Ausbeutung auf die (Produktions-)Faktoren: Boden, Arbeitskraft und Kapital. Diese drei Bereiche steckten das Spielfeld ab und markierten die Instrumente, auf dem und mit denen der Kapitalismus seine Wirkungen entfaltete. Zunächst unterhalb der Wahr­nehmungs­schwelle, dann immer spürbarer, erweiterte er seinen vitalen Ausbeutungsdrang auf weitere Gebiete: die Natur, den vierten Faktor. Solange sich der Ressourcenverbrauch innerhalb vermeintlich zumutbarer Grenzen bewegte, ließ sich dieser von Beginn an illegale Akt der Ausbeutung unter dem Begriff »Bodennutzung« subsumieren. Inzwischen ist der Mißbrauch gesellschaftlichen Reichtums von niemandem mehr zu übersehen.

Nunmehr an die Einführung einer Öko-Steuer zu denken, ist Ausdruck der resignativen Erkenntnis, eine Entwicklung legalisieren zu müssen, die ohnehin nicht mehr aufzuhalten ist! (Marx, 1859, MEW, Bd. 13: »Eine Gesellschaftsform geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.«[3]) Ähnliche Prozesse haben in den 30er Jahren zur Abschaffung der Prohibition geführt und werden eines Tages zur Legalisierung von Heroin beitragen.

Öko-Steuer ist Angleichung der »materiellen Existenzbedingungen«. Sie dient der Legitimation zur geordneten und disziplinierten Ausbeutung der Natur zwecks Erhöhung der Profitrate und zeitlicher Verlängerung der Ausbeutungsverhältnisse. Der Produktionsfaktor Natur wird insofern geschont, als daß er »länger hält«.

Die Logik dieses Prozesses wird deutlich vor dem Hintergrund, daß das Potential zur Ausbeutung der Arbeitskraft an seiner Belastungsgrenze angelangt ist; jedenfalls nach Ansicht der Unternehmer, die dazu übergegangen sind, Arbeitskräfte zu entlassen, weil die Ausbeutungsrate nicht mehr steigerungsfähig ist.

Demnach bewegt sich die Öko-Steuer voll im Rahmen kapitalistischer Ordnungsmuster, ist intelligenter Ausdruck von Zukunftsorientiertheit und Überlebenswillen.

Wir fassen zusammen (alphabetisch geordnet):

  • Akkumulation: ungebrochen

  • Arbeitsteilung: ohne Tendenz

  • Ausbeutung: steigende Tendenz

  • Enteignung: unbekannt verzogen

  • Entfremdung: zunehmend

  • Entwicklungsstand: auf neuestem Stand

  • Hierarchie: innerlich gefestigt, äußerlich gemildert

  • Klassenstruktur: unangetastet

  • Produktionsfaktoren: erweitert (Boden, Arbeit, Kapital plus Natur)

  • Profitrate: Tendenz freundlich

  • Wachstum: anhaltend, qualitativ steigend

  • Wohlstand: vervielfacht

Sieht so die finale Krise des Kapitalismus aus? Wohl kaum. - Und was bewirkt der sanfte Druck der Politik auf eine ökologische Orientierung der Wirtschaft?

1.Die Wirtschaft bekommt ein neues Tätigkeitsfeld zugewiesen und befreit sich von dem Vorwurf, illegalen Raubbau zu betreiben.

2.Unter dem Vorzeichen des ÖSP wird jedes einzelne Mitglied der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zum Komplizen dieser Politik.

3.Die Mega-Strukturen der Wirtschaft als Oligo- bzw. Monopolgesellschaften geraten aus der Kritik; schließlich zahlt die Wirtschaft ja für den Abbau der Rohstoffe und die Ausbeutung der Natur.

4.Und das beste: Die systematische Enteignung und Entfaltung der Produktivkräfte schwingt sich auf höchstes Niveau.

Denn wem »gehört« die Natur? Doch wohl der Gesamtheit aller Menschen sowie späteren Generationen. Aber die Wirtschaft kauft die Natur schon heute, und sie kauft sie vom politischen System, dem Staat, der die Zahlungen wie er treuherzig versichert treuhänderisch verwaltet. Aber wie kann jemand etwas, das ihm nicht gehört, verkaufen? Und wem gehört der Staat? Marx hat ihn als Büttel und Lakaien des ökonomischen Komplexes bezeichnet, und die politische Wirklichkeit hat bisher nichts getan, um Marx zu widerlegen.

Der Mensch jedoch, zureichend enteignet vom Boden, der ihm einstmals gehörte, enteignet von seiner Arbeitskraft, die ihm einstmals gehörte, ”enteignet” vom Kapital, das ihm niemals gehörte, wird nun von seiner letzten Ressource ”befreit”, der Natur, die ihm bis jetzt noch gehörte, indem er die Verfügungsgewalt darüber samt Einzugsermächtigung an den Staat abtritt. - Die Enteignung ist vollkommen. Der Mensch restlos auf sich selbst zurück geworfen.

Expropriation der Expropriateure! Davon schweigen die Gelehrten. An den Archimedischen Punkt der herrschenden Klasse wird nicht gerührt. Marx hat überhaupt keinen Zweifel daran gelassen, daß einzig die Eigentumsverhältnisse über die Gesellschaftsverfassung entscheiden. Ohne Vernichtung des Eigentums keine Überwindung des Kapitalismus.[4] Ohne Abschaffung der Eigentumsverhältnisse keine Abschaffung des Kapitalismus.

Umverteilung und Allokation treten dem Kapital nur insofern nahe, als daß sie es auf neue frische Weiden führen. Öko-Steuer ist die Marschordnung, damit auch das dümmste Kapital noch den Weg zu grünen Auen findet.

In Mammons Namen kommt die Öko-Steuer in Gang: Denn solange der Elefant Kapitalismus durch den Porzellanladen des Öko-Systems Erde tapert, ist jede Rute recht, den taumelnden Riesen im Lot zu halten. Aber erschlagen läßt er sich damit nicht. Zugrunde gehen wird er aus eigener Kraft, zerplatzen an den eigenen Widersprüchen, wie alle Produktionsverhältnisse zuvor. - Nur bitte, keine falschen Versprechungen! Peinlich genug, wenn unser Dickhäuter sein Wasser nicht halten kann.

Wenn der fällt, wird viel Staub aufgewirbelt werden. Wertpapiere, Aktien- und Versicherungsscheine, Überschreibungen, Anteilscheine und Grundbucheintragungen, Wechsel, Depositen, Schuldverschreibungen, Gutschriften, Sparbücher und Hypotheken werden in Stücke fallen. Endlose Zahlenkolonnen auf den Monitoren der Börsen von New York, Tokyo und London werden in ein virtuelles Nichts versinken. Schwarze Bildschirme werden künden von vernichtetem Kapital. Erlöschendes Eigentum wird Existenzen unter sich begraben, und es wird geben ein Heulen und Zähneklappern.

Ein Kampf wird aufziehen, Placebos werden nicht helfen, denn der Kapitalismus - das sind wir selbst! Und wenn das kapitalistische Sein zu tanzen beginnt, wird unser narzistisches Bewußtsein epileptische Anfälle bekommen. Zugegeben: In jedem Kapitalisten steckt ein Wohltäter, der aus ihm raus will. Soll er nur kommen! Dem Rest wollen wir ein ehrenvolles Begräbnis bereiten.

[1] Siehe: »Faktor Vier«, Weizsäcker, Ernst Ulrich von
[2] Bismarcks Sozialgesetzgebung machte dieser "vielversprechenden" Krise ein Ende.
[3] Siehe auch: »Das Mafia-Syndrom: Organisierte Kriminalität«, Freiberg, Konrad; Thamm, B. G. Vlg. Dt. Polizeiliteratur, 1992
[4] Wobei übrigens nicht an den Besitz von Zahnbürsten und Tennisschlägern gedacht war!

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