Essays

Kriegsjubiläum

 10 kanone2001 feierte man den »10. Jahrestag des Golf-Krieges«. Natürlich nicht mit den Opfern, die er gekostet hat, und nicht dort, wo er stattgefunden hatte, sondern in den umliegenden Gebieten.

In Gegenwart der kuwaitischen Freiheitshelden Schwarzkopf, Powell, Bush Sen. wurde Bilanz gezogen. Und man fand, man habe wohl getan. Doch wir wollen nicht reden von so großen Dingen. Nur von einem kleinen Artikel, der damals nirgendwo erschienen ist. Was sollte uns heute noch daran interessieren? Strenggenommen nichts. Das wäre ein Eingeständnis. Und vielleicht regt dies Bekenntnis an zu einer weiteren Frage: Wen interessiert das noch?


Das moralische Dilemma der Intellektuellen

Wir waren uns einig: Die Todesstrafe, die Folter und der Krieg, die drei apokalyptischen Reiter des politischen Bestiariums sind desavouiert und geächtet bis ans Ende der Zeiten. Schon klang "gerechter Krieg" so schrill wie "schöne Hinrichtung". - Dann kam er doch, der Krieg, nicht wild ausbrechend wie viele andere, sondern ruhig und gemessen, mit Bedauern, etwas Vernunft, und sogar ein bißchen gerecht. Den (deutschen) Intellektuellen stehen die Haare zu Berge. Der Krieg, das bestgehaßte Sujet des human denkenden Menschen, wagt, in neuen Kleidern aufzutreten und biedert sich an. - Wie macht er das?
Zunächst ganz konventionell. Die alliierte Überlegenheit war technisch und logistisch dermaßen groß, daß von einem Krieg im üblichen Sinne nicht gesprochen werden kann. Es war eine infernalische Strafexpedition und zu keinem Zeitpunkt ein Kampf mit ungewissem Ausgang. Auf einen getöteten Alliierten kommen ein- bis zweitausend Irakis; bei den Kriegsgefangenen erhöht sich das Verhältnis mindestens um den Faktor zehn; die Zahl der Verwundeten und Verletzten sowie die materiellen Schäden stehen in überhaupt keinem Verhältnis zu denen auf alliierter Seite. Militärzensur verstärkte den Eindruck einer ziemlich einseitigen Begegnung. - Hier wurde nicht gekämpft, sondern abgeurteilt.

Ausschlaggebend für die neue Hoffähigkeit des Krieges ist seine ethische Legende. Es ging um die Ausschaltung eines wildgewordenen Regimes. Die Machthaber Bagdads waren in der Tat von allen guten Geistern verlassen. Die Opfer interner Machtkämpfe, der Ausrottungszüge gegen Kurden und andere Minderheiten, des irakisch-iranischen Krieges und der Besetzung Kuwaits zusammengerechnet, blickt man auf einen Leichenberg von ein bis zwei Millionen Menschen. Wer den Nerv dazu hat, mag sich die Unzahl auf der Zunge zergehen lassen als eine jahrelange Kette amtlicher Massenhinrichtungen, halbamtlicher Folterkeller, geheimer Exekutionsbunker und öffentlicher Senfgasschwaden über Dörfern und Schlachtfeldern. - Wenn etwas zum Oppositionellen werden läßt, dann solche Geschichten.
Säuglinge werden geschlachtet und durchs Fenster geworfen, Halbwüchsige verschleppt, und den Müttern stückweise in Plastiksäcken vor die Tür gelegt, zum Schluß der Kopf, mit von Gewehrkolben abgetrennter Hirnschale - der Krieg aber, als größtes aller Übel, darf nicht sein. Ein Embargo hätte das Wunder vollbracht.

Sollen wir wieder vergessen, was wir wissen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Wissen wir nicht seit Marx und Engels, seit IG Farben und MBB, daß die Wirtschaft - selbst immer tadellos anständig - immer anständig liefert. Daß sie das Primat hat gegenüber jeder Administration? Geht nicht eher ein Kamel durchs Nadelöhr, als daß sich kein Unternehmen fände, wenn die Gewinnmarge hoch genug ist? Daß gerade ein Embargo die Gewinnspanne erhöht? Warum schwimmt die Drogenmafia im Fett? Sollten wir das alles nicht mehr wissen, und plötzlich glauben, die Welt werde heil durch gutgemeinte Ergänzungsgesetze?

Träumende Moral - Treulose Wirklichkeit

Die Linke will aus den Fehlern der letzten Jahre nicht lernen, mag ihre moralische Akkuratesse nicht hergeben. Da ringt eine politische Gruppe nicht ums bessere Konzept und Einfluß, sondern eine schwindsüchtige Priesterkaste um den rechten Glauben, während das gottlose Volk auf den Mauern tanzt und die Dinge auf seine Weise regelt. Die Zeiten, wo Priester und Schamanen etwas zu sagen hatten, sind vorbei. Jetzt gibt es Feuerzauber anderer Art. Und die, die 'was dagegen haben, sollten langsam auf den Teppich kommen. Es wird viel über die tragischen Fehler der amerikanischen Diplomatie der vergangenen Jahre diskutiert. Was die einen Fehler nennen, nennen die Strengeren Doppelmoral oder gar Dummheit. Was aber, wenn es schlimmer wäre? Wenn es Kalkül gewesen wäre?

Wer Fehler macht, oder Dummheiten anstellt, hat unter Einbußen zu leiden. Leiden die Alliierten, sprich die westlichen Industrienationen, unter Einbußen? Oder haben sie einen ihrer größten Coups gelandet? Ein präsidialer Irrläufer an seinen Platz verwiesen; Energieversorgung gesichert; Emporkömmlinge eingeschüchtert; minimale Verluste, maximale Wiederaufbaupläne; steigender Aktienindex und ein glücklicher Scheich, der sein Volk zurückbekommen hat! Sehen so die Fehler und Dummheiten ungeschickter amerikanischer Politik aus? - Ich rate der Linken, weniger zu moralisieren und mehr die Augen aufzumachen.
Daß Saddam von seinen Berufskollegen nicht hingenommen werden konnte, versteht sich von selbst; der Mann hatte über alle Stränge geschlagen, war schlicht rufschädigend geworden. Als man ihm die Instrumente zeigte und er dennoch trotzig blieb, werden manche sich gefragt haben, ob der Mann nicht doch Agent des Westens ist. Wer sonst liefe mit solch grinsendem Gleichmut den Ungläubigen ins gewetzte Messer? - Sei's drum: in der Sache - nicht der Methode - waren wir d'accord. So kommen wir allmählich zu des Pudels Kern: Es schwant uns nämlich, daß alle hier im Westen - der Ersten Welt - Teilhaber und Nutznießer desselben Privilegs sind: nämlich nicht Hungers sterben zu müssen, oder an der Cholera. So einfach ist das. - Sicher, der Mauerfall und die Bundesregierung sind auch komplexe Probleme, doch ob diejenigen, vor deren Augen täglich vierzigtausend Kinder verrecken, viel mit Solidarität anzufangen wissen, und sich abhalten lassen werden durchzudrehen, ist ein ganz frommer Wunsch. Die Rauchfahnen neunhundertfünfzig brennender Ölquellen schmecken süßlich. - Es ist nicht der schlechteste Tip, sich die Dinge anschaulich und plastisch vorzustellen. Vor dem Hintergrund eines Lebens in einem der zahllosen Flüchtlingslager, seinem Elend, den damit verbundenen Demütigungen und der seit Generationen währenden Hoffnungslosigkeit, werden leutselige Rätselfragen wie: "woher bloß die Irrationalität? der religiöse Fanatismus? der blinde Haß?..." einem geradezu blitzartigen Verständnis zugeführt.

Die Cruise Missle fliegt nicht für Freiheit und Vaterland, sondern für Ruhe im Saal. Und irgendwo auf den hinteren Bänken sitzen Du und ich, und haben auch ein bißchen zu verlieren. Ebenso hockten wir vierzig Jahre im Schatten der Bombe, und konnten keiner Fliege ein Haar krümmen. Friedfertigkeit ist uns ans Herz gewachsen. Und plötzlich zetteln die, mit denen man nichts zu tun hatte, einen Golfkrieg an und machen böse. Krankenpfleger kündigen Arbeitsverweigerung an, sollte man ihnen einen verwundeten GI (Gouvernement Issue, Regierungseigentum) auf die Station schieben. Andere gießen Schweineblut auf den Bürgersteig, um Abscheu auszudrücken. Für Kleinmütige werden Kummertelephone installiert. Es riecht nach schlechtem Gewissen. Kann das Gas über die Alpen kriechen? Brave Bürger greifen sich ans Herz und fragen bang, ob es nun soweit sei. Was hat sie um den Schlaf gebracht? Haben die harten 2.400,- DM Netto doch etwas mit dem Irrsinn zu tun?

Nein, bei näherem Nachfragen ist lieber von Israel die Rede. Der Mythos vom auserwählten Volk erfüllt sich auf eigenwillige Weise. Man mache im Bekanntenkreis die Probe aufs Exempel und erkundige sich unbefangen nach dem Existenzrecht Israels. Man sollte meinen, die Frage sei nicht schwer zu beantworten,... doch laß' es mich so ausdrücken: Wenn Du wissen willst, warum das Wasser nicht von unten nach oben fließt, und wieviel Vaterunser auf einen Stecknadelkopf passen, dann befrage einen klugen Mann zum Existenzrecht Israels. - Gewiß, Spott ist unangebracht. Es ist nicht lustig, wenn in aufgeklärten Kreisen nicht unterschieden wird zwischen Antizionismus und Antisemitismus. Es ist nicht lustig, wenn Antifaschisten es nicht über sich bringen, ein herzloses Wort über Saddam Hussein zu finden. Und es ist nicht lustig, wenn mit kühnem Wurf Analogien zu Hitler gezogen werden. Den macht uns so leicht keiner nach, allein weil er - wenn das schlimme Wort gestattet ist - effektiver war. Man darf Hitler unrecht tun, verniedlichen darf man ihn nicht. Und Saddam ohne Not aus dem Zusammenhang zu reißen, steigert auch nicht das Verständnis.

Neue Parallelen

Wer ohne Analogie nicht auskommen mag, dem sei der spanische Bürgerkrieg empfohlen. Den Vergleich an krimineller Energie mit Saddam muß Franco nicht scheuen. Der eine war als Katholik so gut, wie der andere als Muslim; lediglich an Massenvernichtungsmitteln mangelte es etwas. Dennoch ist schwer vorstellbar, daß sich Internationale Brigadisten aus moralischen Gründen entrüstet hätten, wären etablierte Mächte bereit gewesen, sich für die republikanische Sache militärisch ins Zeug zu legen, anstatt mit einem "Nichtangriffspakt" und goldenen Worten, Görings Luftwaffe über Guernica Erfahrungen sammeln zu lassen.

Der gute Wille und die Elenden

Aus der Linken ist ein schöner Papiertiger geworden. Sie hat in soviel saure Zitronen beißen müssen, daß sie weder weiß, wo ihnen der Kopf, noch in der politischen Landschaft der Gegner steht und sich kaputtlacht. Während Leute, auf die immer Verlaß war, niemandem zu nahe treten (z.B.: Oskar Negt/ FR v. 23. Febr. 91), läuft der Laden wie geschmiert. Wann hatte je ein Machtblock die armierte Faust so voller Trümpfe? Will man das einmal zur Kenntnis nehmen? Intellektuelle mögen charakterlich uneinholbar vorne liegen - die Musik machen andere. In einer gar nicht ausgewogenen Welt erschreckt die sozialistisch-pazifistisch-ökologische Amtskirche mit ausgewogenen Enzykliken die eigene Gemeinde. Sonst niemanden. - Das ist die eine Seite.
Die andere läßt sich so beschreiben: In den Augen jeder beliebigen palästinensischen Familie im Gazastreifen leben Westeuropa und die USA unter dem Schirm des "militärisch-industriellen Komplexes" und genießen seinen Schutz - jeder einzelne von uns. Ob das unseren Geschmack trifft oder nicht, interessiert in den verfluchten Regionen der Erde keine arme Seele. Sollte es einmal zum Schwur kommen, wobei der Golfkrieg ein müdes Vorgeplänkel war, werden wir dafür in Haftung genommen. Daß auch hierzulande das Wohngeld unzureichend ist, wird nicht schuldmindernd ins Gewicht fallen. Wenn wir über all dies - die Armut, das Unrecht, die Gemeinheit der Würdenträger etc. - furchtbar traurig sind, reicht das nicht aus. Es läuft darauf hinaus, entweder seinen Frieden zu machen mit jenen, die uns den großen schweren Mantel der äußeren Sicherheit überwerfen, oder die bürgerliche Existenz aufs Spiel zu setzen, wenn die Distanzierungsabsichten nicht nur glaubwürdig, sondern auch wirkungsvoll und Sand im Getriebe sein sollen.

Wem die Kraft versagt, muß sich nicht quälen. Es ist keine Schande, nicht den Helden zu spielen. Man mag der Gemütlichkeit den Vorzug geben. Doch dies ist kein Grund, die Sicht zu vernebeln, und allen Haß und Bosheit in irgendwelche Kriegstreiberhirne zu verlegen, die einen Schlamassel anrühren, für den wir außer durch Steuerzahlungen, Gesetzestreue und Beiträgen zum Bruttosozialprodukt nicht die geringste, aber auch überhaupt keine Mitverantwortung tragen.

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