Essays

Die Versorgung der Flüchtlinge

png6Eine Stichprobe. Anstatt sich von Dritten oder - schlimmer noch - von den Medien über die "Flüchtlingskrise" aufklären zu lassen, hat sich der Autor schon 1994 in eine Unterkunft in München begeben, Bewohner befragt, seine Nase in Kochtöpfe gesteckt, etc. Was er dort zu riechen, zu hören und zu sehen bekam, sagt mehr aus über das Wesen der Gastgeber, als über das der Gäste. Man fragt sich, was sich seither geändert hat?

Der Bericht ist fragmentarisch, subjektiv und polemisch. Die Zahlen und Fakten jedoch sind exakt und dürfen als Durchschnittswerte für derartige Lager gelten. Es genügte, der Spur des Geldes folgen. Vorauszuschicken bleibt, daß allein der Autor es war, der die Zustände beklagte; die Bewohner taten es nicht! Es mag daran liegen, daß jene leidgeprüfter sind, also womöglich menschlich reifer, als wir Einheimischen, vor allem aber daran, daß sie die amtlichen Schreiben nicht entziffern können, die ihnen monatlich zugesandt werden. Und selbst wenn, verstünden sie nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse, denen sie entsprungen sind.

Inwieweit wir Einheimischen ihnen wenigstens darin voraus sind, sei dahin gestellt. Ich wußte jedenfalls nicht, daß wir unseren Gästen Rechnung stellen und deutschen Geschäftsleuten, die wissen wo Bartel den Most holt, Gelegenheit zur Bereicherung bieten bis an die Grenzen der Legalität.


1. Über den Wohlstand der Flüchtlinge

Das Feingefühl bundesdeutschen Beamtentums findet immer einen Ausdruck: Droht im Zuge eines Verwaltungsaktes ein volkstümlicher Begriff - anschaulich und unmißverständlich - so ruht der Erfindungsgeist eines trefflichen Beamten nicht eher, bis er einen Begriff in die Welt gesetzt hat, der noch unmißverständlicher ist. Die Einbuße an Volkstümlichkeit und Anschaulichkeit nimmt er billigend in Kauf.

Asylbewerber ist ein solcher Begriff. An sich ist mit dem Wort Flüchtling alles wesentliche gesagt. Den Beamten jedoch in der Fülle seiner Sachlichkeit hat der Anlaß nicht zu interessieren, der Fremde verleitet, in sein Verwaltungsgebiet einzudringen. Ihn hat lediglich zu kümmern, daß um Asyl gebeten wird. Verwunderlich nur, daß der amtliche Sprachneuschöpfer auf halbem Wege stehenbleibt: Denn auch im Wort Asyl steckt noch ein Rest von Mehrdeutigkeit; dem Gipfel der Unmißverständlichkeit wäre mit dem Ausdruck Gastrechtbewerber bzw. Gastrechtantragsteller näherzukommen.

Aber wir wollen nicht kleinlich sein. Der deutsche Amtsstuben-Beamte ist auf Unparteilichkeit verpflichtet (Der sog. Tätigkeits-Beamte: Lehrer, Sozialarbeiter, Bahnbediensteter, etc, wird hier nicht thematisiert.). Da also der Amtsstuben-Beamte seine Klientel meist nur aus dem Schriftverkehr oder von Amtsgesprächen her kennt und das Geld, das er ausgibt, nicht sein eigenes ist, erwirbt er meist jenes Maß an Gleichmut, das man braucht, um anderer Leute Angelegenheiten verwalten zu können. Nein, dem Beamten ist nichts vorzuwerfen. Er tut, was ihm aufgetragen wird, und an guten Tagen hat er auch Initiative.

Alle schulpflichtigen Flüchtlingskinder erhalten einen Schulplatz. Ich will ausdrücklich betonen: Das ist keine Selbstverständlichkeit. Wenn erwachsenen Flüchtlingen ausdrücklich die Annahme einer Arbeit verboten wird (Auf Regierungsseite wird neuerdings erwogen, dies zu ändern.), hätte es mich nicht überrascht, wenn deren Kindern der Zugang zu öffentlichen Schulen verwehrt geblieben wäre. Dies ist nicht der Fall; und ich lobe ausdrücklich den Gesetzgeber, der das so vorgeschrieben hat und die Beamten, die den Beschluß vollziehen!

Ginge es nach dem Willen des Gesetzgebers und dem Pflichtgefühl seiner Vollzugsorgane, hielte sich die Misere vielleicht in Grenzen. Schmutzig wird die Affäre, wenn das gesunde Volksempfinden sein schiefes Maul öffnet: Wenn Eltern über Ausländerkinder in Schulklassen jammern, Arbeitslose über die Konkurrenz von Ausländern, die "nicht mal deutsch können", und brave Steuerzahler, die angst haben, Ausländer könnten ihnen die Haare vom Kopf fressen... dann wird es böse! Dann ist die Obrigkeit Schuld, dann nimmt man die Dinge selbst in die Hand, und die Obrigkeit läuft hinterher.

Nein, das ist kein Problem der Administration - das ist ein Problem in der Köpfen der lieben Mitbürger. Sie lassen sich in ihrer elenden Ohnmacht und ihren traurigen Minderwertigkeitsgefühlen mit einem Halbwissen abspeisen, das ihnen nicht den Appetit verdirbt. - Es gibt Neuigkeiten.

2. Wer ist ein Flüchtling?

In Deutschland ist das Phänomen nicht unbekannt. Damals wurde dem Ausdruck "Vertriebene" der Vorzug gegeben; der (an)klagende Unterton ist nicht zu überhören. Verständlich: Je näher die Bedrängnis, desto größer das Verständnis! - Die Bedrängnis ist verschwunden und mit ihm das Verständnis. Jetzt ist nicht mehr von Vertriebenen die Rede. Von Flüchtlingen auch nicht. Wer sich jetzt noch zu uns traut, kann froh sein, als Asylbewerber tituliert zu werden. Die sprachliche Nähe von Asylant zu Simulant, Okkupant und Ignorant hat ihn nicht zu stören... Es gibt noch ganz andere Ausdrücke. Geschmacksfrage. Entscheidend ist der Grenzübertritt in die Bundesrepublik Deutschland. An dieser Linie hört der Spaß auf.

Stigmatisierungen beginnen mit Worten: Zuerst beraubt man die Kandidaten der Diskriminierung des Titels, auf den sie Anspruch haben. Dann denkt man sich einen sachlich klingenden Begriff aus, der den Diskriminierten ihre Biographie entzieht, und somit ihre Würde als Menschen, die aus nachvollziehbaren Motiven handeln. Und dann ist die Bahn frei. Von nun an ist alles möglich.

Auf diesen Seiten stemmt man sich noch dagegen und erinnert penetrant daran: Allen Flüchtlingen ist gemeinsam, daß sie Haus und Hof aus Not verlassen. Selten geschieht dies aus Übermut; das wären dann Abenteurer und keine Flüchtlinge. Die Not besteht im Fehlen oder Verlust von Existenzgrundlagen. Mißwirtschaft, Umweltzerstörung, Staatsterrorismus und Kriegsfolgen sind die häufigsten Ursachen. Also keine Kleinigkeiten. Doch unabhängig davon, ob der designierte Flüchtling Schuld trägt an der Misere oder nicht, lautet das Gebot der Stunde hierzulande: „Verschwinde - oder es geht Dir an den Kragen."

Kein Argument ist zu blöde, um aus diesem krummen unchristlichen Impuls, ein gerades abendländisches Motiv zu machen. Vergebens. Die Betroffenheitsgesichter reichen von Flensburg bis Oberstorf; aber sie verbergen nicht: Es geht um die Fleischtöpfe! Die riechen gut; und man will keine fremden Nasen darin haben.

Zugegeben: Es gibt eine Menge Typen, die ich auch nicht in meiner Küche sehen möchte. Allerdings bin ich immer gut damit gefahren, Typen ihre Gut- oder Bösartigkeit nicht am Aussehen oder an ihrer Herkunft ablesen zu wollen, sondern an ihrem Verhalten. Wobei darauf zu achten ist, nicht Hörensagen, sondern eigener Anschauung zu vertrauen. Ich kann die Methode nur empfehlen.

3. Was kostet ein Flüchtling?

Wie es sich gehört, ist dies in einem Gesetz geregelt: der AsylGebo ("Asylberwerber-Benutzungs­gebühren-Verordnung"). In §2 ist festgelegt, daß Flüchtlinge, welche "die staatlichen Einrichtungen zur Unterbringung von Asylbewerbern in Anspruch nehmen, gesamtschuldnerisch haften". In §3(a) werden Zahlen genannt:

Gebührenart

Haushaltsvorstand

Haushaltsangehörige

Bis 7 Jahre

Ab 8Jahren

Unterkunftsgebühr

300 DM

150 DM

150 DM

Verpflegungsgebühr

260 DM

175 DM

246 DM

Für die amtliche Durchschnittsfamilie (Eltern, 2 Kinder) ergibt sich ein monatlicher Gesamtbetrag von 1748 DM. Soviel kostet eine Flüchtlingsfamilie. Der Haushaltsvorstand ist am teuersten; Kinder bis sieben Jahre sind billiger.

Das ist leicht gesagt: Eine Flüchtlingsfamilie kostet soundsoviel... Wollen wir doch mal den Weg des Geldes verfolgen: Wer stellt wem wieviel in Rechnung - und wer zahlt? Zunächst mieten oder kaufen die Bundesländer Unterbringungsräume von privaten Firmen; in unserem Falle eine Barackensiedlung für ca. 300 Flüchtlinge, errichtet von einer Baufirma. Der Kauf erfolgt aus Landesmitteln. Weiterhin wird eine Großhandelsfirma beauftragt, die Verpflegung der künftigen Bewohner zu übernehmen. Dann wird die Anlage bezogen von hereinströmenden Flüchtlingen. Nach einem Monat erhält der Haushaltsvorstand eine Rechnung:

"Sehr geehrte Familie XY, für die Inanspruchnahme von staatlichen Einrichtungen zur Unterbringung von Asybewerbern wird nach der Asylberwerber-Benutzungsgebühren-Verordnung (AsylGebo) in der jeweils gültigen Fassung für den o. g. Abrechnungszeitraum eine Benutzungsgebühr in Höhe von 1.748,- DM festgesetzt. Im einzelnen:(...)

Für die Inanspruchnahme der oben angeführten Leistungen wird die volle Gebühr erhoben. Sie werden gebeten, die festgesetzte Gebühr innerhalb von fünf Tagen nach Erhalt des Gebührenbescheides zu überweisen bzw. einzuzahlen. Verwenden Sie bitte ausschließlich den beigefügten Einzahlungsvordruck, der nur noch um Ihre Bankverbindung ergänzt und unterschrieben werden muß. Sofern Sie über keine Bankverbindung verfügen, kann der festgesetzte Betrag unter Angabe des Buchungskennzeichens auch bei jeder Bank bzw. Sparkasse eingezahlt werden. Barzahlungen können nicht angenommen werden.(...) Sollte keine Zahlung erfolgen, kann die Staatsoberkasse den Gebührenbetrag pfänden lassen. Um unnötigen Verwaltungsaufwand sowohl ihrerseits als auch auf Seiten der Regierung zu vermeiden, werden Sie daher gebeten, den Gebührenbetrag rechtzeitig zu begleichen.

Wenn ihr Einkommen bzw. Vermögen zur Begleichung des festgesetzten Gebührenbetrages nicht oder nur teilweise ausreicht, wenden Sie sich bitte umgehend und unter Vorlage dieses Gebührenbescheides an die örtliche Sozialhilfeverwaltung (Sozialamt)...

Rechtshilfebelehrung:..."

Daran gibt es etwas zu bemerken: Man tut kund, dieses Lumpenproletariat nur aus purer Menschlichkeit ins Land zu lassen und schickt 94% von ihnen wieder nach Hause, weil sie nicht politischer Verfolgung unterlägen, sondern nur heimischer Armut zu entkommen versucht hätten (...was man nicht für eine politische Folge hält!). Nun gut, das ist eben Menschlichkeit in Konfektionsausführung. Doch wie schwer selbst diese Minimal-Konzession an das Elend fällt, läßt sich daran ablesen, daß wir nicht darauf verzichten, den mit relativ wenig Gepäck bei uns Eingereisten allmonatlich ordentliche Rechnungen für erbrachte Leistungen zu stellen. Und dabei erwarten wir, daß die Damen und Herren Asylbewerber ihre Bankverbindung aus dem Ausland gleich mitgebracht hätten und drohen im Falle des Zahlungsverzugs mit Pfändung des Eigentums!

Das nenne ich ein starkes Stück! Wir drücken ihnen 80,- DM Taschengeld in die Hand und berechnen ihnen 80,- DM Schulden dafür. Donnerwetter! Das ist korrekte Buchführung. Wer ist eigentlich wessen Geld hinterher? Aber lassen wir das. Die Spur führt nicht weiter. Die Rechnungsteller wissen selbst, daß von den Adressaten keine müde Mark zu holen ist. Ein Nutzen der Mahnung mag darin bestehen, die Schuldner regelmäßig daran zu erinnern, wieviel Geld sie kosten. Die Inanspruchnehmer sehen ja nur, wo sie untergebracht werden, und kriegen zu schmecken, was man ihnen vorsetzt. So kämen sie niemals darauf, wieviel Asche das kostet!

Nein, die Rechnungen haben einen anderen Nutzen, und der ist nicht zu verachten: Denn das Sozialamt, das sind Bundesgelder. Und es sind die Länder, die das Geld bekommen. Nun könnte es dem Steuerzahler egal sein, aus welcher Brieftasche er zur Kasse gebeten wird; sein Geld ist in beiden Fällen weg. Dabei vergißt er allerdings, daß der Zwischenschritt die Kosten in die Höhe treibt. Denn die Länder nutzen natürlich die Gelegenheit, die Leistungen zu minimieren und die Forderungen zu maximieren. Das Prinzip ist schließlich die Grundlage unseres Wirtschaftssystems. Was übrig bleibt, steht anderen Etats zur Verfügung. Natürlich kommt bei dem Geschäft auch die Privatwirtschaft nicht zu kurz.

Am Ende haben jedenfalls eine Menge öffentliche Gelder den Besitzer gewechselt und sind in private Hände geflossen! Die Flüchtlinge sind bei dem Geschäft nur nützliche Idioten: Sie dienen als Alibi, ohne es zu ahnen, meckern nicht, sind dankbar, daß man sie überhaupt füttert und beherbergt, und geben den perfekten Buhmann ab für den deutschen Zahlmichel, der nur merkt, wie teuer die ganze Choose ist.

Nicht schlecht, Herr Specht! Wenn es die Not nicht gäbe, müßte man sie erfinden. –

So verließ ich diesen Ort und begab mich weiter fort...

4. Die Unterkunft

Wer um Gastrecht in einer unserer mehr oder weniger wohlhabenden Gemeinden ansucht, findet meist Unterschlupf in einer extra zu diesem Zweck errichteten Wohnanlage. Der Zaun, der ringsum die Siedlung einstöckiger Baracken umschließt, läßt ein bis zwei permanent geöffnete Zugänge offen - und die Frage, ob die Umzäunung dem Schutz der Bewohner vor den benachbarten Eingeborenen dient, oder dem Schutz der Eingeborenen vor den Neulingen. Streng genommen schützt der Zaun niemanden. Er dient wohl psychologischen Zwecken. "Komm besser nicht herein," sagt er denen draußen. - "Geh besser nicht raus," sagt er zu denen drinnen.

Der Grundriß der Baracken gleicht landwirtschaftlichen Nutzbauten: ein Mittelgang von einer Außentür zur anderen, zu beiden Seiten Eingänge zu den Boxen, ein gutes Dutzend pro Baracke, jede exakt 16qm groß, 4qm pro Person. Übersichtlich. Am Ende des Ganges Gemeinschaftstoilette, -duschen und -küche. 50-60 Personen belegen im Schnitt eine solche Unterkunft. Bei 5-6 Baracken kommt man auf eine sehr gemischte Gemeinde von ca. 300-400 Männern, Frauen und Kindern.

Es ist unmöglich, einander aus dem Weg zu gehen. Man wohnt Tür an Tür, und die Belegung wechselt häufig: Alleinstehende und Familien, Moslems und Christen, Serben und Bosnier, Afghanen und Afrikaner... ganz wie Zufall und Belegungsplan es ergeben, und der Eindruck ist unvermeidlich, daß nicht wir Deutschen es sind, die mit Ausländern zusammenleben, sondern daß es die Ausländer sind, die vor lauter Ausländern auf engstem Raum kaum noch wissen wohin.

Jede Baracke hat ihren eigenen Geruch. Einen vergleichbar scharfen olfaktorischen Eindruck kenne ich sonst nur aus Tierheimen und Obdachlosenasylen. Wie überall, wo ein willkürlich zusammengewürfelter Haufen unfreiwillig an einem Ort zusammengepfercht wird, befinden sich unter einer Mehrzahl ordentlicher Subjekte ein paar Ferkel, für deren Dreck niemand verantwortlich ist. Dennoch sieht man ständig jemanden putzen, spülen, fegen; vielleicht auch deshalb, weil dies die einzige Tätigkeit ist, die jedem Bewohner jederzeit gestattet ist.

Es ist verboten, Gegenstände auf dem Gang abzustellen. Feuerpolizeiliche Gründe. Zwar würde jeder Bewohner im Ernstfall aus dem Zimmerfenster klettern, das nur einen Meter über dem Erdboden einen leichten Ausstieg bietet, aber in Deutschland führen die Fluchtwege nun mal über die Flure. So entsteht das Problem: Wohin mit den Schuhen? In den meisten Herkunftsländern der Flüchtlinge ist es Sitte, barfuß die Wohnräume zu betreten. - Es sind Kleinigkeiten, aber aus dieser unendlichen Kette von nutzlosen, überflüssigen Drangsalen besteht der Alltag der dortigen Bewohner. Und das bei einem Quadratmeterpreis von 46,80 DM, warm, inklusive Brandschutz und Hausverwaltung! - Wieviel DM/qm zahlen Sie eigentlich, lieber Leser?

An einem Tag meines Aufenthaltes erschien im Büro der Verwaltung eine fünfköpfige, gutgelaunte Delegation. Zusammen mit der Lagerleitung ging´s auf Inspektion. Die Damen und Herren waren Mitarbeiter und Anwälte der Baufirma, die vor sieben Jahren die Anlage errichtet hatte. Es waren erhebliche Mängel aufgetreten. In einigen Baracken war soviel Grundwasser durch das Fundament gedrungen, daß der Aufenthalt drohte, gesundheitsschädlich zu werden. Der Hausmeister erinnerte sich laut, wie erstaunt er schon damals war, als er eine Quelle aus der Baugrube sprudeln sah, und dennoch unverzagt das Fundament gelegt wurde. - Das ginge schon in Ordnung, beruhigten die Anwälte, die Fundamente seien wasserdicht; die Feuchtigkeit käme woanders her, und warfen einen vielsagenden Blick auf die stummen Bewohner. Die feinsinnigen Herren wiesen kurz auf die hygienischen und sanitären Umstände hin, rümpften ein wenig die Nasen und bedauerten, hierfür nicht zuständig zu sein. Das Bonmot lag in der Luft: Baufirmen seien für die Gebäude verantwortlich, nicht für deren Bewohner...

Später, unter vier Augen, machte der Heimleiter aus seinem Herzen keine Mördergrube: Die Angelegenheit sei ganz klar. Es ist ein Spiel! Die Firma sei damals davon ausgegangen, daß die Anlage nach 3-4 Jahren wieder abgerissen werde. Entsprechend kostensparend habe sie gebaut - und natürlich den vollen Preis kassiert. Nun seien sieben Jahre vergangen, und die Hütten stünden immer noch. Jetzt träte zu Tage, was zu Tage treten mußte. Vielleicht stehe der Schrott noch einmal sieben Jahre? Aber irgendwann sei er reif und müsse doch abgerissen werden. Aufgabe der Anwälte sei es, den Prozeß solange hinauszuziehen. Wenn sie ihr Geld wert seien, sollte dies auch gelingen. Dann gäbe es nichts mehr einzuklagen. Jeder wisse das, und jeder spiele seinen Part. Dagegen sei nichts zu machen.

Der Heimleiter, soviel sei noch hinzugefügt, war ein wirklich engagierter Sozialarbeiter, der sich für seine Klientel ins Zeug legte und versuchte, das beste für sie herauszuholen. Gegen den erheblichen Widerstand übergeordneter Amtsstuben war es ihm gelungen, eine Wand zwischen zwei genormten 16qm-Räumen einzureißen und einen Kindergarten einzurichten. Dies war der erfreulichste Raum der gesamten Anlage. Aber, das räumte er selbst ein, an der grundsätzlichen Misere könne er nichts, rein gar nichts ändern.

So verließ ich diesen Ort und begab mich weiter fort...

5. Die Verpflegung

Von den Flüchtlingen, die es bis zu uns geschafft haben, wird angenommen, daß sie sich ihre Menüs am liebsten selbst zubereiten. Hierzu steht in jeder Baracke eine Gemeinschaftsküche (16 qm) zur Verfügung. Um Ausschweifungen auszuschließen, werden die Lebensmittel in Naturalien ausgeteilt. Jeder Bewohner erhält pro Woche zwei Pakete mit allen notwendigen Nahrungsmitteln. Bei der Auswahl der Produkte wird Rücksicht genommen auf die Eßgewohnheiten der verschiedenen Religionen, Nationen und Stämme. - Hier der Inhalt einer Ration für einen moslemischen Muster-Bosnier:

Ein Musterpaket

 

Art

Menge

verfallen

Preis

1

TK-Fleisch

400 g

seit 10 Tg.

x

1

Joghurt 3,5%

150 g

OK

0,22

3

Bananen

Ok

?

0,95

2

Mischbrote

250 g

Ok

3,38

1

Radieschen

?

?

0,99

1

Weiße Bohnen

500 g

OK

0,99

1

Schokoriegel

25 g

?

0,25

1

Schmelzkäse

125 g

OK

0,28

1

Spaghetti

120 g

seit 15 Tg.

x

1

Käse Aufschnitt

125 g

OK

1,20

2

Kiwi

?

?

0,58

1

Gurke

OK

?

0,99

1

Quark; 40%

250 g

OK

0,69

5

Glas Würstchen

400/180 g

OK

0,98

1

Früchtetee

56,25 g

OK

0,99

1

H-Milch 3,5%

Liter

OK

0,95

1

Eis-Tee

Liter

OK

0,69

1

stilles Wasser

Liter

OK

0,42

Gesamt:

 

 

 

14,55

Wer Margarine, Gewürze, Kaffee, Speiseöl, etc. vermißt, muß nicht erschrecken: Das Lebensmittel-Paket-System ist wohldurchdacht. Der Inhalt der Darreichungen variiert nach Bedarf. Mangelerscheinungen sind ausgeschlossen; dennoch wird konsequent dem Eindruck vorgebeugt, es sei beabsichtigt, unsere Gäste zu verwöhnen. Das würden die meist rechtschaffenen Bürger unseres Landes auch weit von sich weisen. - Aber was würden die rechtschaffenen Bürger dazu sagen, wenn sie erführen, daß ein paar angesehene Bürger dieses Landes, sich auf ihre Kosten die Konten vollschaufeln?

Und das geht so: Die Monatsration eines "Haushaltvorstandes" beträgt, gesetzlich vorgeschrieben, 260 DM. Bei acht Paketen im Monat macht dies pro Paket 32,50 DM Steuergelder des Bundes, denn die Länder stellen die Rechnungen den Flüchtlingen und diese reichen sie weiter an die Sozialämter. Angehörige und Kinder sind etwas preiswerter. Der Steuerzahler berappt also im Schnitt 8 x 30 DM pro Person und Monat = 240 DM.

Die jeweiligen Landesregierungen beauftragen (deutsche) Firmen, diese Pakete nach ihren Vorgaben zusammen zu stellen. Das Beispiel "Musterpaket" zeigt: Ein Privatmann kann sich diese Waren bei einem beliebigen Diskounter für ca. 15 DM selbst zusammenkaufen. Bei Fleischwaren, deren Verfallsdatum um zehn Tage überschritten ist, wäre er sogar berechtigt, den Einzelhändler anzuzeigen. Überregional arbeitende Lebensmittelfirmen, die ihre Waren in Tonnagen verschieben, erhalten entsprechende Rabatte. Das drückt den Einkaufspreis auf unter 10 DM.

Die Gewinnspanne ist schon beachtlich und vielleicht tolerabel, wenn man für legitim hält, daß die Landesregierungen bei ihren Aufträgen an durchschnittliche Qualitätsware denken und billigsten Ramsch dafür erhalten. Aber die Auftraggeber müssen das Zeug ja nicht essen und der deutsche Zahlmichel auch nicht, und die Lieferfirmen wissen das. Doch das beste kommt noch.

In den ungeschriebenen Gesetzen der "sozialen Marktwirtschaft" steht nämlich nicht, daß 200% Differenz zwischen Ein- und Verkaufspreis genug sind, sondern daß nur eine maximale Gewinnspanne eine gute Gewinnspanne ist. Also läßt man sich was einfallen: In den Lebensmittelfilialen des Landes liegen täglich Waren herum, deren Verfallsdatum überschritten ist oder bei denen abzusehen ist, daß sie bis dahin keinen Käufer mehr finden werden. Normalerweise wären dies Verlustposten, die auf die Bilanz drücken. Findige Filialleiter haben deshalb an der Pinwand ihrer Büros eine Telephonnummer hängen. Die gehört den Großhandelsfirmen, die unsere Gäste verpflegen. Und die freuen sich über jeden Anruf, der von vergammelter Ware kündet. Die Filialleiter sind froh, noch ein paar Pfennig abzustauben, und die Großhandelsfirmen kennen ihre Kunden, die meistens nicht einmal wissen, was ein Verfallsdatum ist. Und wenn sie es wissen, können viele es nicht entziffern, und wenn sie es entziffern können, wagen sie nicht zu reklamieren, und wenn sie nicht reklamieren und womöglich erkranken, können sie ja zum Arzt gehen - auf Kosten des Steuerzahlers.

Wahrhaftig: Flüchtlinge sind teuer. Sie kosten verflucht viel Geld. Der Haken ist nur: Die Flüchtlinge haben davon gar nichts und kriegen nur Brosamen! Der Löwenanteil wandert aus dem Beutel des deutschen Michel über die Köpfe der Flüchtlinge hinweg auf die Konten einiger tüchtiger deutscher Unternehmer. Und es ist anzunehmen, daß das die Leute sind, die sich noch am wohlerzogensten über Asylanten äußern.

So verließ ich diesen Ort und begab mich weiter fort...

6. Eine Musterfamilie

Die moslemische Familie T. lebte in Sarajewo. Herr T. arbeitete als Transportfahrer bei einer kleinen Firma. Frau T. versorgte den Haushalt und kümmerte sich um die zweijährige Tochter. Man lebte wie man eben so lebt in einer kleinen Wohnung in einer Großstadt irgendwo auf der Welt. Herr und Frau T. waren nicht besser und nicht schlechter als andere Transportfahrer und Hausfrauen auch. Sie fielen nicht weiter auf, kümmerten sich um ihre Angelegenheiten und niemand hatte ihnen was vorzuwerfen.

Eines Tages, im Jahr 1991, wurde es laut in der Stadt. Granaten flogen durch die Straße von Herrn und Frau T. und rissen die Bürgersteige auf. Manchmal hatten noch Nachbarn darauf gestanden. Frau T. nahm schwanger und schlecht vorbereitet ihr Töchterchen auf den Arm und verließ die Gegend. Einige Monate später fand sie Aufnahme und Sicherheit in einem deutschen Asylbewerberheim.

Herr T. wurde einberufen. Drei Jahre lang war er Soldat. Auch er war schlecht vorbereitet. Als einfachem Transportfahrer fehlte es ihm an der nötigen Härte und vielleicht auch an Vaterlandsliebe. Vielleicht verlor er einfach nur die Nerven. Jedenfalls machte er sich eines schönen Tages aus dem Staub und schlug sich zu seiner Familie durch.

Das Soldatenleben hatte seine Bandscheiben ruiniert. Aber arbeiten durfte er sowieso nicht. Schlimmer waren seine Träume. Aber anderen ging es genauso. Herr T. beklagte sich nicht. Seine Familie und er waren in Sicherheit. Auch über seinen verletzten Stolz, seine Familie nicht mehr ernähren zu können, verlor er kein Wort. Wozu auch? Seine Kinder sprachen eine Sprache, die er nicht verstand. Seine Frau hielt den Laden zusammen und jammerte nicht. Es war doch alles in Ordnung und noch einmal gutgegangen.

Einige Jahre später steht in den Zeitungen, es herrsche wieder Frieden in Sarajewo. Jedenfalls stünden an jeder Straßenecke bewaffnete Soldaten und sicherten den Frieden. Familie T. erhält einen Brief. Darin steht, es sei Zeit, in die Heimat zurückzukehren. Mit der Heimatliebe der Familie T. ist es schlechter bestellt als zuvor: Die Verwandten sind spurlos verschwunden, Kontakte bestehen keine mehr, die Kinder sprechen kein Wort Kroatisch und aus der Schule wollen sie sowieso nicht weg.

Aber Heimat ist Heimat! Die Aufenthaltsgenehmigung für Frau und Kinder läuft Ende des Monats ab. Vielleicht gelingt eine Verlängerung um ein, zwei Wochen? Hat schon mal geklappt. Herr T. darf sowieso hierbleiben. Mit seinem Rücken sei Herrn T. bis auf weiteres eine Rückkehr nicht zuzumuten, steht im Attest. Man ist kein Unmensch.

Überhaupt sind alle ganz vernünftig. Bis auf den heutigen Tag hat niemand der Familie T. irgend etwas vorzuwerfen. Nur gebrauchen kann man sie nicht. Sie sind überflüssig; die Frau, der Mann, die Tochter und der Sohn. Genauso wie bei ihnen Zuhause. Aber das ist woanders. - Außerdem ist die Geschichte der Familie T. eine ganz normale Geschichte. Tausenden ist es schlechter ergangen... Und wir Deutschen sind auch nur kleine Leute, die sich um ihren eigenen Mist kümmern. Wofür sollen wir noch verantwortlich sein?

So verließ ich diesen Ort und begab mich weiter fort...

7. Goldene Worte

Hier steh´ ich nun, habe manchen Ort besucht und wieder verlassen und bin so klug als wie zuvor. Das wußte ich schon: Für Arme und Heimatlose ist Deutschland ein gefährliches Land. Hier gilt der Grundsatz: Wer am Boden liegt, ist selber schuld. Wie sonst kommt man auf den Einfall, zunächst einmal die Ohnmächtigen und Mittellosen in Regreß zu nehmen? Derartige Einfälle hatten wir schon öfter hierzulande: Die Wege nach Treblinka und Sobibor führten über gültige Fahrscheine. Auch damals wurden die Kosten der Aufwendungen den Verursachern in Rechnung gestellt [1]. Heute kommen fast alle mit dem Leben davon; damals war es umgekehrt. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Auf Volkes Stimme wird nicht mehr gehört. Aber ist das ein Grund, sich in die Brust zu werfen und seine Menschlichkeit herauszukehren? Ist es eine Heldentat, Menschen in Not aufzunehmen und vor dem Schlimmsten zu bewahren? Was riskieren wir dabei?

Bekanntlich sind es die größten Nieten, die sich am meisten über diese bescheidene Barmherzigkeit aufregen. Und insofern haben diese Flaschen recht: In Punkto Schwäche und Chancenlosigkeit stehen sie den Flüchtlingen am nächsten. Wenn die Letzten die Hunde beißen - sind sie die Vorletzten. Aber was ist mit uns Mittelmäßigen, die wir vom prallen Wohlstand ebenso weit entfernt sind, wie von Not und Armut? Warum machen wir soviel Aufhebens von unserer Christenpflicht? Müssen wir unsere Wohnungen mit Fremden teilen? Oder unsere Kühlschränke? Was ist das für eine schmutzige Phantasie, die vom Untergang aller Werte faselt, sobald Leute aufkreuzen, die nicht sind wie wir? - Unsere Werte mögen kostbar sein, aber was sind sie wert?

Gut, unsere Werte kosten nur noch ein paar Dutzend Pechvögeln im Jahr das Leben. Für uns ist das ein Fortschritt. Aber dem Glück der Menschen kommen wir damit nicht näher. Das hält hier auch niemand für seine Aufgabe. Man ist seines eigenen Glückes Schmied und hat genug damit zu tun. - Nur frage ich:

Was ist das für ein Glück im Winkel, dem die Anstrengung schon am Gesicht abzulesen ist?!

[1] siehe: Raul Hilberg, "Die Vernichtung d. europ. Juden", Band I

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