Essays

Ein entnervter Jurastudent

 png31Ein einziges Mal hat der Autor versucht, etwas rechtes zu unternehmen: Er betrat die ziemlich ungepflegten Hallen (darauf kam es ja nicht an) einer Universität, um ein Rechtskundiger zu werden. Die Idee war nicht schlecht. Allein, sie war auch undurchführbar.


I. Das Studium

Was an der Fakultät vorgeht, einen Lehrbetrieb zu nennen, wäre geschmeichelt. Das ist nicht die reine Lehre oder gar Forschung. Das ist reine Abrichtung. Fachliches Interesse wird weder erwartet noch vorausgesetzt und falls vorhanden als bloßes Akzidens angesehen, das eher hinderlich wirkt. Es bekommt Dir schlecht, wenn Du vorher schon etwas anderes gedacht hast! Hier wird nicht nachgedacht, hier ist fertig vorgedacht. Eingeübt wird lediglich ein neuer Blick auf die Wirklichkeit; eine neue, künstliche Art, sie zu interpretieren (Genaueres dazu weiter unten). Angenommen, Du bekämest eine Brille aufgesetzt, die alles in Schwarz-Weiß wiedergibt, den Hintergrund verschwimmen läßt und jede Bewegung in einzelne Standbilder zerlegt. Dafür ist jetzt alles doppelt scharf. Zuerst ist die Enttäuschung groß, denn Du siehst weniger als vorher. Aber dann heißt es, jetzt erst sähest Du die objektive Wirklichkeit: Denn Farben als Attribute ohne Informationsgehalt lenken ab; Hintergründe seien überflüssige Kulissen und Standbilder präziser zu analysieren als fließende Übergänge. Erst jetzt träte der Kern der Sache hervor, während vorher nur ein wirres Durcheinander bestanden habe.

Du kriegst also diese Brille verpaßt, und dann wird kontrolliert, ob Du ”richtig” siehst. Das Auge wird der Brille angepaßt, die Wahrnehmung dem Instrument, das Subjekt dem Objekt, das Primäre dem Sekundären. - Das kann man machen, gewiß. Aber das reicht nicht. Man muß an die wahrheitsfördernde Wirkung glauben.

Wer das nicht kann, verfehlt bei vielen ”Fällen” den Pfad der juristischen Tugend. Die bloße Technik hilft wenig. Trotz Brille sieht er die bessere Wirklichkeit nicht so gestrafft, wie er sie sehen müßte. Doch allein diese Kunst ist hier gefragt. - Sei`s drum. Bis zum Examen mag man ein Auge zu drücken.

<p">Auch will ich nicht an die große Glocke hängen, was für ein abweisendes, ja feindseliges Klima den Adepten in dieser Anstalt umfängt. Wie spricht der Volksmund? Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Daß jedes Fußballstadion dieser Kulturnation finanziell besser ausgestattet ist als seine Lehranstalten, gehört zum Kolorit dieses Landes wie eingezäunte Kinderspielplätze und Currywürste. Daß sich speziell die juristische Fakultät als eine Art Kadettenanstalt für Intellektuelle versteht, sei nur am Rande erwähnt. Hier wie dort heißt das Motto: Wer später den Ton angeben will, muß erst ordentlich durch den Brei gekrochen sein. - Geschenkt. Ein bißchen Zähigkeit und durch.

II. Die Kasuistik

Schwerer wiegt die ideologische Seite der Medaille. Justitia ist nicht blind; sie hat sich nur die Augen verbunden! Ihr Bild von der Welt ist gestochen scharf; so scharf, daß sie bei der Arbeit tatsächlich nicht mehr hinzusehen braucht. Was soll das heißen? Daß sie genau weiß, was sie will. Ihr Wesen ist Voreingenommenheit. Ihre Sicht der Welt ist attributiv. Alles, was der Fall ist, bekommt Eigenschaften zugeschrieben (Deshalb ist sie auch so verliebt in Definitionen, in denen Worte mit Worten erklärt werden.). Daß Eigenschaften etwas Hinzugefügtes, den Dingen nicht Zugehöriges sind, kann Justitia nicht einmal denken. »Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose...« damit wird sie sich niemals zufriedengeben. Daß etwas nur ist und nichts darüber hinaus, kommt ihr nicht hinter die Binde. Daß nicht den dümmsten Figuren der Geistesgeschichte selbst diese Behauptung zu weit geht, schert sie nicht.

Erkenntnistheorie - hat sie hinter sich. Kant sei Dank. Jetzt geht es um Disziplinierung. Jedem Ding sein Attribut! Jedem Verhältnis seine Qualität. Sie läßt nur eine Kategorie gelten: hierarchische Ordnung. Auf horizontaler Ebene ist ihre Bemühung um Unparteilichkeit (”ohne Ansehen der Person”) echt, wenngleich wenig erfolgreich. In der Vertikalen kennt sie kein Pardon: Versuch oder Rücktritt, berechtigt oder unberechtigt, schuldhaft oder schuldlos, rechtzeitig oder verspätet, fahrlässig oder vorsätzlich, angemessen oder exzessiv, irrtümlich oder wissentlich... auf diesen Fahnenstangen gibt es keinen Anfang und kein Ende. Ein Meer von Attributen, in denen alles ersäuft, was der Fall ist!

Doch seien wir nicht ungerecht, nicht vor ihrem Angesicht. Die meisten Menschen sind ganz dankbar für die Dienstleistung; ein bißchen Orientierung kann nicht schaden, sagen sie. Und was ist der Preis? Widersprüchlichkeit bis hin zur Willkür. Die alltägliche, ja fast wütende Praxis der Kategorisierung beweist lediglich die Nachgiebigkeit einer gegenüber Ordnung gleichgültigen Welt. Was man der Welt, ihren Dingen und Verhältnissen auch anhängt: Es ist ihr schnuppe. Der Ärger auf Seiten der Jurisprudenz ist unübersehbar. Rechtsfindung wird mehr und mehr zu einem Geschäft unter Börsianern. Wie groß muß der Lebensraum einer Legehenne sein? Fragen wir doch das Bundesverfassungsgericht. Reicht DinA 5 oder DinA 4 oder können wir unsere Hühnerfarmen gleich dichtmachen? Werden die Ökopaxe triumphieren oder siegt die Vernunft? Seit Anfang Juli 1999 ist heraus: DinA 4 muß sein! Und in ein paar Jahren, unter neuer Federführung, falls der Zeitgeist sich ändert? Wie wird dann entschieden? Zum Glück entspricht heute der Lebensraum einer Legehenne nicht der Grundfläche einer Badewanne. Zur Not wären wir auch damit fertig geworden.

Ebenso haben wir herausgefunden, wo Kruzifixe hängen dürfen und wo nicht, was ein Angriffskrieg ist und was eine humanitäre Rettungsaktion, wann abgetrieben werden darf und wann nicht. Das war alles schon mal anders festgesetzt, aber jetzt ist es eben so geregelt und basta, und wenn Du was werden willst, lieber Jurastudent, dann setze Dich täglich an den Computer und durchstöbere die Datenbanken nach neuen Gerichtsentscheidungen, denn was gestern gestreift war, könnte heute kariert sein.

Ist das nun Flexibilität oder Willkür? Jedenfalls ist es unzuverlässig bis zur Lächerlichkeit. Bloß keine Schadenfreude. Schließlich gibt man sich alle Mühe, nicht als prinzipienreitender Kanzleirat hinter die Zeit zurückzufallen, sondern ihr als moderner Dienstleister vorauszueilen. Peterchen´s Mondfahrt für Erwachsene. Man nenne das kein Kinderspiel! Schließlich werden alle Kräfte aufgeboten, die der menschliche Geist, erpicht darauf, einer selbstgenügsamen Welt stabile Eigenschaften zu verpassen, zu vergeben hat. Positivismus heißt die Methode, gern auch Empirie genannt. Der Begriff stammt aus den Naturwissenschaften. Er meint eine (Welt-)Betrachtung, »die ihre Forschung auf das Positive, Tatsächliche, Wirkliche und Zweifellose beschränkt, sich allein auf Erfahrung beruft und jegliche Metaphysik als theoretisch unmöglich und praktisch nutzlos ablehnt«.[1] Damit lassen sich fabelhafte Taschenuhren und Staudämme bauen. Ob sich damit auch Gesellschaften konstruieren lassen, versucht man seit Jahrhunderten herauszukriegen. Empirische Techniken prägen seitdem auch den geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich. In der Jurisprudenz hat das Kind einen eigenen Namen: Positives Recht. Es hat weitgehend die naturrechtliche Anschauung verdrängt. Nicht ganz. Sie taucht gelegentlich in den Präambeln unserer Gesetzeswerke auf, z. B. klassisch: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Hier haben wir eine Eigenschaft, die in ihrer Voraussetzungslosigkeit von einem Gott verliehen worden sein könnte. Sicheres Anzeichen eines Naturrechts. Nun ist die Antastbarkeit menschlicher Würde zwar eine bedauerliche Tatsache, aber dieser kleine Makel wird wettgemacht, indem wenigstens der Artikel mit den guten Vorsätzen unantastbar ist. Er gehört zu den wenigen Passagen des Grundgesetzes, der ausdrücklich von jeder Änderung ausgeschlossen ist.

So wie einst Pharao in der weithin sichtbaren Pyramide gebunkert worden ist, damit er sobald nicht wieder herauskommt, liegt nun auch das Naturrecht in einem Mausoleum für die Ewigkeit, damit es endlich heißen kann: Straße frei dem Positiven Recht! Positives Recht ist gesetztes Recht oder Gewohnheitsrecht, geschriebenes oder ungeschriebenes Recht. Das nenne ich eine großzügige Definition! Es gilt: Wir müssen uns nur mehrheitlich, repräsentativ oder auf dem Verordnungswege auf eine Aussage einigen... und haste-nich-gesehen: Haben wir ein neues Recht! Da kommt schnell was zusammen. Und dann kollidiert es. Es gibt auch Konkurrenzen. Manchmal überholt ein Recht das andere. Bisweilen tritt eins zurück. Lücken sind selten und werden sofort geschlossen. Der Dickste gewinnt.

Ein munteres Treiben! Ganz wie die Wirklichkeit, die natürlich auch nicht faul ist. - Nur bitt´ schön, wenn die dumme Frage erlaubt ist: Wozu der Aufwand? Zwar hat der Mann Geld veruntreut, aber der Herr Stadtrat hat sich bestimmt nichts Böses dabei gedacht; der Mann kann gehen. Zwar darf man grundsätzlich (bedeutet in der Fachsprache das Gegenteil) in laufenden Geschäftsjahren Beiträge nicht erhöhen, aber 1998 in Itzehoe hat der Verein ”Freunde der Sonnenblumen”... Man begrüßt den Eifer. Doch ist die Ausbeute nicht etwas mager? Wer soweit ausholt, warum schlägt der nicht zu? Werden da nicht trügerische Probleme geschaffen als abgeschafft? Kann der tönerne Riese nur Schatten werfen oder sich auch bewegen?

Der Eindruck täuscht. Denn eines schafft die Ordnung, die sich da in Rage dekretiert, ganz vortrefflich: sich selbst zu erhalten und unersetzlich zu machen. In alles mischt sie sich ein. Ihre Zuständigkeit reicht von Pontius bis Pilatus. Möglicherweise macht man sich damit nicht nur Freunde. Dafür ist vorgesorgt. Im Strafgesetzbuch geht es um Repression (siehe Lehrbuch: ”Öffentliches Recht = Prävention, Bürgerliches Recht = Retribution, Strafrecht = Repression”!). Im StGB herrscht - nach den Präliminarien - folgende Reihenfolge: 1. Abschnitt: Friedens- und Hochverrat, Gefährdung d. demokratischen Rechtsstaats; 2. Abschnitt: Landesverrat und Gefährdung d. öffentl. Sicherheit; 3. Abschnitt: Straftaten gegen ausländ. Staaten; 4. Abschnitt: Straftaten gegen Verfassungsorgane... 5. Abschnitt: Straftaten gegen die Landesverteidigung; 6. Abschnitt: Widerstand gegen die Staatsgewalt; 7. Abschnitt: Straftaten gegen d. öffentl. Ordnung; 8. Abschnitt: Geld- und Wertzeichenfälschung. Straftaten gegen das Leben, also Mord und Totschlag gegen Dich und mich, kommen später, 16. Abschnitt.

Nur nicht empfindlich sein. Bestraft wird schließlich die eine Untat wie die andere. Doch man merkt die Absicht und man wird verstimmt. Wenn´s kritisch wird, beginnt die Absicht immer mit den Worten: ”Wer sich auf die Seite des Unrechts begibt...” Die Sache hat nur einen Haken: Das Urteil beginnt, womit es enden sollte. Die Schwelle, an der das Unrecht ansetzt, ist keine ethische Koordinate, sondern eine ordnungs-politische. Wo Hierarchie verletzt wird, dort beginnt Unrecht. Die gesellschaftliche Schichtung in Rechtsinhaber von unterschiedlichem Umfang (Schon läßt sich die Identität eines jeden vollständig durch die Aufzählung der Rechtstitel, über die er verfügt, umreißen.) soll dem Hausfrieden (positivistischer Begriff) dienen. Stellt sich nebenbei auch Gerechtigkeit (naturrechtlicher Begriff) ein, ist die Freude groß - wegen des unerwarteten Zugewinns.

Die reduktionistische Selbstbeschränkung (-kastration?) auf strikt rational-positivistische Kategorien schmeckt nach Flucht nach vorn. Das Naturrecht gilt als Dickicht, in dem man sich nur verstricken kann. Nachdem also nichts mehr als gegeben (sei´s von einem Gott oder einem menschlichen Tyrannen) angenommen werden kann, besinnt der Mensch sich auf eigene Kraft, worunter er seine Vernunft versteht, und setzt die Vorgaben hoheitlich selbst. Doch gesetztes Recht, so leid es tut, ist Recht aus der hohlen Hand. Es hängt im leeren Raum. Es kam wie Moses, unser erster Gesetzgeber, in einem Binsenkorb den Nil herab geschwommen, und niemand kennt seine Eltern. Der Anfang bleibt verborgen.

Wieder ist es nichts mit der Legitimation. Es hakt bei der Ableitung. Und so bleibt es dabei, sehr zu unserem Verdruß: Das Unrecht ist eine Funktion des Unrechts (Ähnlich in der Differenzialrechnung: Die Ableitung der e-Funktion ist die e-Funktion.). So werden z. B. Hypothesen fakultativ gehandhabt; dienen sie dem Unrechtsbeweis nach erfolgter Unrechtsfeststellung, sind sie willkommen; stehen sie im Wege, haben wir die bekannte ”hypothetische Reserveursache” vor uns, welche wir überhaupt nicht gebrauchen können. - Die Mittel haben sich zierlich der Absicht anzupassen, das Auge der Brille, womit wir zum Anfang zurück gelangt sind, nicht glücklich, aber immerhin.

Ich fasse zusammen: Kasuistik ist die Projektion einer voraussetzungslosen Ordnungsidee auf eine vorgestellte Welt, um ihren vermeintlich eigenmächtigen Willen zu bändigen (Diese Formulierung könnte man einen ”Halben Schopenhauer” nennen!). Der Mechanik liegt das schon klassisch gewordene ”Elend der Philosophie” zugrunde (K. Marx). Philosophie räsonniert über alles und verpflichtet zu nichts.

Indiskutabel für praktische Leute, die es satt haben, über die Voraussetzungslosigkeit ihrer Prämissen (hier: das gesellschaftliche Zusammenleben in Groß-Kollektiven) zu ver-handeln und endlich verbindlich handeln wollen. Handeln heißt Unterscheiden-Können. Rechtswissenschaft ist die Lehre von den Unterscheidungen. Sie soll klare Richtlinien geben und Kompetenzen regeln, für den Hausgebrauch. - Einverstanden. Sie will niemanden bevorzugen. - Einverstanden. Sie will scheiden und zusammenführen. - Einverstanden. Und das Mandat für ihr Erlösungswerk leitet sie ab aus dem Vermögen, mittels unbestechlicher Logik zu eindeutigen Lösungen zu gelangen. - Einspruch! Logik hat keine Absichten. Sie kennt keine Tendenz und ändert sich nicht in der Zeit. Doch alles Lebendige hat Absichten, ist tendenziös und ändert sich in der Zeit. Aus dem Dilemma gibt es kein Entrinnen: Entweder ist Logik unmenschlich oder sie hat Menschenmaß, dann ist es keine Logik mehr. - Lösen kann ich das Problem nicht. Es sei denn, es wäre gestattet, die Prämissen zu ändern. Damit wäre das Problem zwar nicht gelöst, aber verschwunden. Doch zusammen mit ihm verschwände auch die Jurisprudenz. Dies auch nur zu erwägen, liegt außerhalb der Vorstellungskraft jener, die ihre romantische Neigung zu unlösbaren Problemen für das einzig Vernünftige halten.

Die Welt nimmt bei ihrer Selbstreproduktion keine Rücksicht auf menschliches Fassungsvermögen. Der Wahn praktischer Jurisprudenz, mittels Abstraktion, also Worten die Wirklichkeit soweit faßbar zu machen, daß wertende Eingriffe möglich sind, ist anmaßend. Worte sind keine Nägel, mit denen man die Wirklichkeit an die Wand schlagen und endlich in Ruhe betrachten kann! Rechtswissenschaft ist ein Kult, bei dem man vor Worten auf die Knie sinkt. Nichts gegen eine Wortmagie, die es faustdick hinter den Ohren hat in ihrem rationalen Gewand; schließlich gehören verbale Zauberklänge zu den ältesten Beständen abergläubischer Techniken.

Doch es wäre taub oder voreingenommen, wer nicht erkennen wollte, daß rechtsfindungsfähige Abstraktionen nur vordergründig vom Unwesentlichen absehen, tatsächlich und planmäßig jedoch vom Negativen. Das Negative ist das wahre Ärgernis des Positivisten: die strukturellen Widersprüche des geistigen Lebens, die Unauslotbarkeit von Motivation, die Unwägbarkeit von Schuld, die eigenmächtigen Abweichungen von der sog. Notwendigkeit, die subversive Kritik und zersetzende Analyse etablierter Verhältnisse sowie deren immanentes Potential zu radikal abweichenden Daseins-Modi... all dies Ärgerliche, Lästige und Hinderliche beiseite zu räumen, um endlich einen abschließenden Punkt zu setzen, ist die wahre Funktion von Abstraktion. Nicht auf Vereinfachung zielt die Absicht, sondern auf Leugnung.

Wenn sich Wortspiele wie Leichentücher über die Wirklichkeit legen, um endlich die prästabilierte Harmonie einer hierarchisch durchgestylten Gesinnungsordnung zu modellieren, wird es fast unerträglich. Fast. Denn bis hierhin könnte ich noch mitgehen. Schließlich träumt jeder Schriftsteller davon, mit Worten zwingen zu können. Beim nächsten Schritt jedoch versagt die Kraft: Denn die Kultpriester verwechseln absichtsvoll die Wahrnehmung einer projizierten Gesinnungsordnung mit einem objektiven Reflex auf die Wirklichkeit. Deshalb lehnen sie ab anzugeben, wohin die Reise geht. Sie versprechen nur, daß die Reise nach festen Regeln verlaufen wird. Wären sie wenigstens ehrlich! Würden sie wenigstens sagen, was sie wollen! Sie könnten schon, sie sind ja nicht blind; doch täten sie es, wäre es aus mit dem Nimbus von Objektivität. Nein. Es wird kommentarlos ins Leere abstrahiert. Welche Schlüsse daraus gezogen werden, steht in den Sternen bzw. im Ermessen der Rechtsfindungsorgane. Selbst der in sich schlüssigste Schriftsatz ist gerade aufgrund seines hohen Abstraktionsgrades nicht zwingend, sondern jedweder Auslegung zugänglich. Konkretheit ist eindeutig, aber nicht justitiabel; Abstraktionen sind justitiabel, aber vieldeutig. - Ich habe das Vertrauen in diese biegsame Kunst verloren.

III. Ausgang des Verfahrens

Es stellt sich die Frage: Studium fortsetzen oder nicht? Fortsetzen heißt: fünf, sechs Jahre eine Materie ins Hirn schaufeln, die viel von ihrem Zauber verloren hat. Andere geistige Beschäftigungen wären bei der Fülle des Stoffs nur am Rande möglich. Mehr noch: Angesichts der Komplexität des Stoffes und meines schwankenden Glaubens an dessen nutzvolle Wirkung käme die Aneignung einer sich selbst auferlegten Gehirnwäsche gleich. Ich müßte mir auf Jahre alle Einwände und subversiven Gedanken aus dem Kopf schlagen. Es wäre ein Lernen ohne zu atmen. Ich assoziiere eine Szene aus dem Film »Chinatown«. Ein Strolch hat dem Helden die Nase aufgeschlitzt. Ein mitfühlender Freund fragt: ”Tut das nicht schrecklich weh?” - ”Nein, nein,” antwortet der Held gelassen, ”nur beim Atmen!”

Hier liegt Justitia auf dem Laken, grau und kühl. Vielleicht beruht die Blässe auf Gegenseitigkeit; jedenfalls droht, ein Kraftakt aus dem Akt zu werden. Lohnen könnte er sich trotzdem; immerhin liegt da ein verdammt kluges Mädchen, wenngleich mit flacher Brust. Schlimmer sind die ordinären Buhlen, die nicht nach Reizen fragen, sondern nach Geschäft und Reibach. Sie dominieren den Betrieb und prägen die Handhabung der Nymphe. Der Günstlinge Absicht ist eindeutig, ihr Reden doppelzüngig. Ich bin weder geduldig noch gescheit genug, um irgend etwas daran zu ändern. Am ärgsten jedoch ist die Bereitwilligkeit des Mädchens: Wer immer ihrer praktischen Vernunft huldigt, dem gibt sie sich hin.

Zurück bleibt ein trauriges Gefühl: die Ahnung, daß Dogmen, die alles erklären, uns mehr schwächen als stärken.

[1 Aus: Duden, Großes Fremdwörterlexikon]

Δ