Essays

Bedeutung der Arbeit

 png7Der kleine Aufsatz beginnt mit einem Zitat von F. Engels. Er endet mit einem hohnvollen Abgesang auf die noble Zunft der Soziologen.

Wer versucht, die staatliche Ordnung (Contradictio in adjecto!) mit partiellen Problemlösungen zu erhalten, kommt darin um. Es gibt nur ein Entrinnen, Mensch: Arbeite! Nicht für Geld und nicht für Gotteslohn. Nicht fürs Leben und für die Schule sowieso nicht. Arbeite Bedeutung aus der Welten Steinbruch! Ohne Bedeutung fällt nur Schrott aus Deinen Händen.

Aber erzähl das mal einem Publikum, das Tarifverhandlungen für ein bedeutsames Verfahren hält...


Friedrich Engels

»Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen«

»Die Arbeit ist die Quelle allen Reichtums, sagen die politischen Ökonomen. Sie ist dies - neben der Natur, die ihr den Stoff liefert, den sie in Reichtum verwandelt. Aber sie ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die erste Grundbedingung menschlichen Lebens und zwar in einem solchen Grade, daß wir in einem gewissen Sinne sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen...«

Bemerkungen:

Wenn Arbeit den Menschen geschaffen hat - was ist dann aus ihr geworden?

Neugierig schlagen wir in »Creifelds Rechtswörterbuch« nach - in Statusfragen immer die richtige Adresse - und finden das gesuchte Stichwort nicht; was wir finden, ist der Verweis auf »Beruf« und dort den Hinweis auf das Grundgesetz, worin er als Grundrecht verbürgt ist. Ein »Recht auf Arbeit« gibt es - entgegen landläufiger Meinung - nicht.

Wo also ist die »Arbeit« geblieben, was ist aus ihr geworden? Hat sie den Menschen geschaffen und sich dann zurückgezogen? Hat Engels sich geirrt oder hat sie sich nur verwandelt in den »Arbeitsplatz«, von dem heute meist die Rede ist, wenn »Arbeit« gemeint ist?

Daß Arbeit heute noch den Menschen schafft, entspricht jedenfalls nur im übertragenen Wortsinne der Wahrheit. »Hartfields Wörterbuch der Soziologie« wird da schon deutlicher: ”Arbeit ist die zweckmäßige, bewußte Tätigkeit des Menschen zur Lösung und Bewältigung seiner materiellen und geistigen Existenzprobleme...” Arbeit als Problemlösung; das kommt dem modernen Verständnis schon näher: Hätte der Mensch keine Probleme, bräuchte er auch nicht zu arbeiten! Ist dies nicht das monotone Mandala, das fast jeder auf den Lippen trägt, der morgens sein Heim verläßt, um als Arbeitnehmer Arbeit anzutreten?

Dieses Themroc-Syndrom färbt den historischen Blick. Demnach wäre nach Ablauf der Frist im Paradies - wo ganz und gar nicht gearbeitet werden mußte; ein Tatbestand, der bezeichnenderweise als Synonym für selige Zustände dient -, nur noch die Fron übriggeblieben, also die Arbeit (”...im Schweiße deines Angesichts”).

Auch ohne mythologische Trübung bleibt die Perspektive unverändert: Als der Mensch vor ca. fünf- bis sechstausend Jahren aus schrift-, geschichts- und wohl auch müheloser Zeit in die Historie gleichsam über die Ufer trat, startete das Projekt Kulturwerdung sogleich mit der Sklavenhalter-gesellschaft. Es schien das vielversprechendste Modell zu sein bei dem Versuch, aus dem Menschen »etwas ordentliches zu machen«.

Sklavenhaltergesellschaften litten immer unter dem Verdacht, menschenfeindliche, gar menschenzerstörerische Ambitionen zu haben; dieser Verdacht greift zu kurz: tatsächlich ging es darum, sich der Arbeit zu entledigen und anderen aufzuladen. Nichts wäre den damaligen Regenten übler angekommen, als der Menschen ihres Herrschaftsbereiches verlustig zu gehen. Sie liebten den Menschen nicht, aber sie brauchten ihn, und mehr noch als den Menschen, verachteten sie die Arbeit. Arbeit - soviel steht fest - muß damals schon eine schlechte Presse gehabt haben.

Das nunmehr einsetzende Kulturprogramm kann unter dem Stichwort »Humanisierung der Sklavenarbeit« betrachtet werden; bis zum heutigen Tag lohnt es sich, diese Spur zu verfolgen. Es gibt wohl kaum eine Erscheinung der Arbeitswelt, die vor dem Hintergrund dieses gedanklichen Ansatzes nicht illuminiert und dem Verständnis zugeführt werden würde.

Nach fünf- bis sechstausendjährigen Verhandlungen ist Arbeit endlich eine respektable Sache geworden. Wer sich heute noch vor Arbeit fürchtet, tut gut daran, seine Gefühle zu verbergen. Wer Arbeit sucht, dem öffnen sich die Tore palastartiger Gebäude, gemessen an der Länge der Fluren, der Anzahl der Räume, Stockwerke und Bediensteten; Arbeitsämter finden sich in jeder Kleinstadt. Angesichts dieser Erfolge ist es fast schon anrüchig, an das Projekt »Humanisierung der Sklavenarbeit« überhaupt noch zu erinnern.

Sowenig - in der gebotenen Knappheit - zum modernen Verständnis der Arbeit und woraus sie sich ableitet; ob es das einzig gültige ist, das steht auf einem anderen Blatt...

... dort findet sich der Satz: Die Arbeit »hat den Menschen selbst geschaffen...« Der Gedanke will so gar nicht in den Zusammenhang passen. Wieso verachtet denn der Mensch, was ihn ermöglicht und geschaffen haben soll? Wodurch ist er zum Feind dessen geworden, das ihn zu dem gemacht hat, der er ist?

Gesetzt, Engels war bei Trost und Sinnen, als er jene Worte niederschrieb, so muß ihm ein vollkommen anderes Verständnis von »Arbeit« vor Augen geschwebt haben, als jenes, das uns den Blick womöglich trübt. Wäre dies der Fall, liefen wir dann nicht sogar Gefahr, die »Schaffung des Menschen« an uns selbst zu verpassen?

Jahrtausende lang waren jene, die es wissen wollten, auf Metaphysik, Theologie, Mythologie, Philosophie, Dichtkunst und politische Wissenschaften angewiesen; nunmehr erhebt Soziologie ihr Haupt und faßt zusammen: TMÜ (Tier-Mensch-Übergangsfeld), das ist nunmehr Schauplatz der Betrachtung. Es handelt sich, salopp gesprochen, um jene Phase vor ca. ein bis zwei Millionen Jahren, als der Affe vom Baum kletterte, die Steppe betrat und noch nicht wußte, daß er ein Mensch werden würde.

TMÜ hin oder her, dort jedenfalls streckte dieses seltsame zweibeinige Tier seinen behaarten Zeigefinger aus und gab den Dingen einen Namen! Etwas Unerhörtes war geschehen; das Allerunwahrscheinlichste und nirgends Vorgesehene, das Einzige vielleicht, was je hervorgetreten ist sine causa et exemplo: Bedeutung! Das verborgenste Geheimnis der Dinge, verschlossen im Bernstein ihrer Substantialität, das, was nicht an ihnen haftet, sondern sie aneinander heftet, ihr Verhältnis, ihre Analogie, was über sie selbst hinaus führt, ihre Transzendenz war entdeckt, kurz: Die Nichtse wurden zu Etwassen, die etwas bedeuteten, wurden mehr mit jedem Namen, den der erwachende Mensch ihnen verlieh.- Gerne ginge spekulative Philosophie einen Schritt weiter und möchte fragen, ob Bedeutung von Bedeutung, käme sie noch hinzu, nicht auch den letzten Stein zur Geistwerdung erweichen könnte...

... doch wir begnügen uns vorläufig mit den Tatsachen, und loben den Affen, der sich hat erweichen lassen, ein vorläufiger Mensch zu werden. Diese Geburt war schwierig genug, überstieg seine Kräfte bei weitem und war mehr als ein hartes Stück Arbeit; mehr auch als Knochenarbeit, sie war der ultimative Innovationsakt: die Ausbrütung des Menschen durch Bedeutungsproduktion.

Als affentransformierende Anstrengung, die jeden Rahmen sprengte, trat Arbeit als Voraussetzung des Menschen in die Welt [1], als menschendeformierende Plackerei und Mühsal, droht sie, ihn zum Ausgangspunkt zurückzuwerfen. Als schieres Instrument der Substitution führt sie ein klägliches Dasein. Im gleichen Maße, in dem die Produktionsorte immer bedeutungsleerer werden, werden es auch die Produkte und mit ihnen jene, die sie herstellen, zu schweigen von den Verbrauchern, die schon lange verlernt haben zu fragen: Wozu?

Arbeit und Lernen sind in ihr Gegenteil umgeschlagen. Sie drohen den Menschen zu verschlingen, anstatt ihn zu nähren. »Herr G. hatte wohl verstanden, daß das Märchen vom Schlaraffenland mit einer frommen Lüge beginnt. Der Brei, dessen man ansichtig wird, sobald man sich dieser fabelhaften Region nähert, ist nämlich gar keine Grenzbarriere. Er bedeckt das ganze Territorium, und wer dort Einlaß begehrt, der wiegt sich in einer trügerischen Hoffnung, wenn er glaubt, es genüge, sich durch den Brei hindurch zu fressen, um, am anderen Ende der Grenzbefestigung, wieder an die frische Luft zu gelangen. Es war also offenbar die Angst des Essers, von seiner Speise verschlungen zu werden, die Herrn G. zum Moralisten gemacht hatte [2]. «Nicht anders erging es Herrn E., als er in flehentlichem Ton daran gemahnte: Die Arbeit »hat den Menschen selbst geschaffen.«

Unbeantwortet bleibt die Frage, wie Arbeit dermaßen in Mißkredit geraten konnte. Trösten wir uns damit, daß unser Zitat danach nicht fragt. Auf eine Parallelität jedoch, wollen wir den Finger legen wie auf eine Wunde: Wann immer Arbeit an Ansehen und Reputation verlor, verlor es auch der Mensch. Die Synchronizität der Ereignisse legt den Verdacht nahe, daß, wann immer Arbeit Erniedrigung erfuhr, der Mensch gemeint war! Das Tempo der Entwicklung war niemals konstant, die Richtung jedoch blieb unverändert.

Insofern bildet unser 20. Jahrhundert den vorläufigen Höhepunkt; ausgezeichnet einzig dadurch, daß es das chronologisch Letzte war, nichts sonst: Es bekannte offen und handelte danach, daß nunmehr der Mensch per definitionem der völligen Wert- und Bedeutungslosigkeit anheimgefallen war und entsprechend [3] zu verfahren sei. - Es schließt mit retardierender Beklommenheit.

Nachbemerkung:

Unschwer zu erkennen, daß dieser ehrliche Anlauf, die Dinge soziologisch zu erklären, ein Fehlschlag war. Soziologie als »neue Nüchternheit« ist eine verständliche Reaktion auf die viehische Raserei der Neuzeit: Wenn alle Welt den Kopf verliert, sind kühle Köpfe wichtiger denn je. - Welch ein Mißverständnis! Den Vertilgern der Menschennatur läßt sich vieles vorwerfen, aber nicht, ihren Verstand verloren zu haben. Das Gehirn, als einziges Organ ringsum von Knochen geschützt, genießt schon physiologisch höchste Priorität. »Enze-phalon intacta« - Ende des Weges. Die Suche nach Strukturlogik führt zur Verneinung des Lebens, denn das Leben ist aufgesprengte Strukturlogik, liegt jenseits von ihr. Es ist offen für das ganz und gar Unwahrscheinliche, ja es ist das ganz und gar Unwahrscheinliche.

Hätte die Soziologie nicht Auguste Comte, sondern Tacitus und Thukydides zu ihren Ahnherrn erkoren, fiele der Zuspruch leichter. Damit wäre ihr nicht nur dieses seltsame Neusprech erspart geblieben - was mehr ist, als ein ephemeres, stilistisches Problem -, sondern auch die fatale Wertneutralität, die aus jedem Holzweg ein Symposium macht. Thukydides war Historiker, Platon Philosoph, Cervantes romantischer Dichter, Bruno Naturphilosoph, Rousseau Gesellschaftstheoretiker, Kant Erkenntnistheoretiker, Schopenhauer Miesepeter, Marx/Engels dialektische Materialisten... lexikalische Größen, aber vor allem waren sie Moralisten! Brandgefährliche Burschen! Erklärt haben sie auch; aber vor allem haben sie Partei ergriffen. Und sie wußten: Den Menschen nur zu beschreiben, heißt: ihn deprimieren; fühlen muß er, daß er mehr ist, als er ist!

Vielleicht sind die vielgeschmähten Soziologen die einzigen, die das heute noch wissen? - Schön, daß ihnen das manchmal anzumerken ist!

[1] In diesem Sinne muß auch W. Reichs Dreiklang »Liebe-Arbeit-Wissen« verstanden werden.
[2] Aus: H. M. Enzensberger: »Das Ende der Konsequenz«
[3] Siehe hierzu: H. Arendt: »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft«

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