Zigarren

Es könnte der 100ste Quatschkopf gewesen sein, sogar der 500ste. Diese Jubiläumsquasselstrippe hat es jedenfalls geschafft, mich von der Straße zu locken...

zigarren 3Bisher war ich dem Grundsatz treu geblieben, immer schön auf öffentlichem Gelände zu verharren. Sichtbarkeit exponiert und schützt zugleich. Dieser Bursche jedoch war hartnäckiger und charmanter als die Verführer zuvor. Er scherzte über meine Bedenken und säuselte die Namen Montecristo, Romeo y Julieta, Quintero und Cohiba dermaßen verheißungsvoll in mein Ohr, dass es mir unverzeihlich erschien, diese Insel eines Tages zu verlassen, ohne eine der legendären Zigarren im Gepäck. Mit leichter Verbeugung wies er in einen Hauseingang, und seine Augen leuchteten, als wartete dahinter das Elysium. Dass die Kerle immer so übertreiben müssen, dachte ich im Stillen, rechnete diesem aber hoch an, dass er nicht auch noch Jungfrauen in Aussicht stellte. Dieser hier pries ausschließlich Zigarren an, wedelte ihren imaginären Duft in meine Nase, sprach von nichts anderem und schien ein ehrlicher Mann zu sein. Mich glücklich zu machen, war sein innigstes Verlangen. So folgte ich ihm ohne Arg.

kuba 6Am Ende des Ganges ging es links ab in einen schmaleren, wo das Tageslicht rasch abnahm. Wir überquerten einen winzigen Innenhof. Mein Lockvogel wies mit der Hand nach oben, als wolle er sagen: Keine Sorge, das Tageslicht wacht über uns allen. Hinein in den nächsten Flur. Zur Dunkelheit gesellte sich Gestank. Rechts rum, gerade noch einer Großmutter mit ihrem heulenden Enkelkind ausgewichen. War das hier schon privat oder noch öffentlicher Durchgang? Dann Stille. Wieso eigentlich? Wir hatten doch eben erst die Hauptstraße verlassen; so weit entfernt von dem Krach konnten wir doch nicht sein. Steckte ich schon so tief drin im Schlamassel? Rechts rum, links rum, Innenhof. Schwankende Gestalten wehten vorbei, unterwegs zu ähnlichen Gestalten. Vorsicht Stufe! Kind und Kegel hockten im Halbdunkel auf den Treppen; jetzt bloß niemandem auf die Finger treten. Alle paar Meter drehte mein Führer sich um und vergewisserte sich, ob ich noch da war. Die Sorge war überflüssig. Wohin hätte ich fliehen sollen? Die Orientierung hatte ich längst verloren. Die Katakomben hatten mich verschlungen. Aus eigener Kraft würde ich nie wieder rauskommen. Ich hatte auf Autopilot geschaltet. Sollen die Dinge ihren Lauf nehmen. Ich hatte das Unheil geahnt und bin doch gefolgt, also schweig, Schwachkopf.

zigarren 2Endlich machte mein Zigarrenhändler halt, öffnete eine Tür und wir betraten eine Küche. Ende des Weges. Es war soweit. Auf dem Herd blubberte ein Kochtopf; ein Riesending, da war noch Platz drin. Die Küche wenig größer als eine Speisekammer. Aber belebt. Die ganze Familie schien auf uns gewartet zu haben. Meiner Erinnerung nach 7 Personen, ohne uns. Zwei davon könnten Brüder gewesen sein, aber sie guckten nicht so lieb wie mein Gastgeber. Am auffälligsten war die traumschöne Mulattin auf der Couch zwischen zwei Kindern. Ihr Gruß war eisig, und ihre Augen blickten starr. Ich sacke normalerweise zusammen vor strengen Frauenblicken, jetzt war mir das egal. Soll sie mich durchbohren mit ihren Blicken, ich weiß selbst, dass ich hier nicht hingehöre. War das die Ehefrau oder die Schwester? Wieso interessiert mich das? Was gehen mich die Familienverhältnisse an? Der Kochtopf blubbert, und ich warte, was passiert. Ich habe hier nichts zu suchen.

zigarren 1Nur in meinem Lockvogel steckt noch Leben. Er öffnet einen Hängeschrank und entnimmt einen Stapel Holzkästchen. Die Küchenabfälle werden vom Tisch gewischt und die Kästchen draufgestellt. Mit großer Geste wird das oberste geöffnet. Cohibas, aufgereiht wie Spielzeug-Kanonenrohre. „Ach herrje, jetzt kommt Ihr noch mit den Zigarren!“ dachte ich: „Wie weit wollt Ihr die Komödie noch treiben?“ Zum ersten Mal war ich froh, kein Spanisch zu können, sonst hätte ich gesagt: „Kommt Kinder, bringen wir es zu Ende. Macht, was ihr wollt. Nehmt euch die Nikon und den Brustbeutel, und im Gürtel ist auch noch was. Wenn ihr wollt, verkauft mich auf dem Sklavenmarkt, aber verschont mich jetzt mit euren Zigarren. Wenn ihr glaubt, ich würde mich loskaufen und euch freiwillig mein Geld in den Rachen schmeißen, dann kennt ihr mich schlecht. Wenn ich schon verloren gehe, dann mit fliegenden Fahnen.“ Da ich aber kein Spanisch konnte, ließ ich mir nur ein Kästchen nach dem anderen unter die Nase halten, machte ein stoisches Gesicht und sagte jedes Mal nur: „No-No-No!“

„Bueno!“ antwortete mein Gastgeber, begleitete mich auf kürzestem Weg zurück auf die Hauptstraße, schenkte mir eine Zigarre und verabschiedete sich wie ein Gentleman.

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