Hochzeit

Die Unterkunft, in der ich gelandet war, bewahrte mich davor, ins Schwärmen zu geraten. Charme war Ritas Stärke nicht. Sie erfüllte ihre Pflicht als Herbergsmutter und ging niemals darüber hinaus...

hochzeit 1Freundlichkeit zählte nicht zu ihren Aufgaben. Das Privileg, Privatzimmer an Ausländer zu vermieten, hatten die Behörden wohlbedacht erteilt. Eine gewissenhaftere Formularausfüllerin kann sich ein autoritäres Regime nicht wünschen. Jeden Augenblick war Rita auf staatliche Kontrolleure gefasst, und ich wurde den Eindruck nicht los, sie hätte sich häufiger deren Besuch gewünscht. Erlebt habe ich keinen einzigen; aber ich war auch viel unterwegs. An der Wand hingen amtliche Auszeichnungen für ihren früh verstorbenen Mann. Fügsamkeit war tief verwurzelt in diesem Haus.

hochzeit 2Um ihr Gästezimmer frei zu halten, schlief Rita mit Tochter und Enkelin in einem Bett. Ihre 25jährige Tochter hatte der Vater sitzen gelassen. Das Übliche in Kuba, kein Grund zur Aufregung, hieß es. Und tatsächlich gilt Kuba als das Land mit der höchsten Scheidungsrate, wobei die Bereitschaft zur Heirat schon als etwas verstanden wird, das einen Mann auszeichnet vor anderen. Angelo, Ritas Sohn, war nachts selten Zuhause; auch er ein Sonnenschein, den die Frauen liebten und außerdem sei sowieso kein Platz mehr Zuhause. Ein praktischer Denker. Wirklich auf Händen getragen wurde Yakira, die Enkelin. Zu sehen bekam ich sie nur morgens, während des Frühstücks. Verschlafen an einem Honigbrot mümmelnd kam sie herein, grüßte schüchtern, kletterte in den Schaukelstuhl und rief nach Bedienung. Oma stürzte herein, warf tausend Küsse durchs Zimmer und legte ein Video ein. Dort wurde Hochzeit gefeiert. Die Braut war schön und weiß wie Schnee, Perlen umschmeichelten den Hals, hell fiel das Haar ihr üppig über die Schultern, das Seidenkleid rauschte, der Rolls Royce schnurrte, der Bräutigam schwor, die Glocken läuteten, der Champagner perlte, die Chrysanthemen prangten, die Tränen rollten und die Geigen geigten. Und das kleine braune Mädchen mit den großen schwarzen Augen vergaß vor Entzücken den blonden Kuchen zu essen, ganz und gar hingerissen von der Aussicht auf ein Leben voller Glück, Erfüllung, Treue und Liebe.

hochzeit 4Zunächst verfolgte ich die Szene mit Rührung. Aber als das Ritual sich beinahe täglich wiederholte, immer mit demselben Video und vollzogen in derselben atemlosen Andacht, wurde mir flau zumute. Hier bildete sich mehr als ein unschuldiger Kindertraum im Herzen eines Mädchens im Vorschulalter. Hier braute sich eine fixe Idee zusammen, die so bald nicht vergehen würde. Manchmal gesellten sich Mutter und Oma dazu, seufzten im Chor und klatschten in die Hände in aufrichtigem Entzücken, obwohl die Alten es besser wussten aus eigener Erfahrung. Doch das fiel nicht ins Gewicht. Die Kulisse verdrängte die Wirklichkeit. Wahr und unwahr hatten die Lichter vertauscht: Die Wirklichkeit flimmerte im Kasten. Alles andere drum rum verdämmerte zu einem schlechten Traum, der bald ganz verschwinden würde. Eine »Verschwörung gegen die Wirklichkeit«, über drei Generationen hinweg, so hätte man nennen können, was da stattfand. Und das Gespenstische daran: hochzeit 5Die Verwandlung funktionierte, war kein Spiel, sondern heiliger Ernst. Selbst als die flimmernde Wirklichkeit ausgespielt hatte und der schlechte Traum wieder zurück rief ins Leben, kehrten die Gläubigen nur unter Protest zurück und hörten nicht auf, den schlechten Spuk der Tatsachen, der so hartnäckig an ihnen zerrte, als Zumutung zu behandeln.

 

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