Der räudige Hund

Seit Tagen beobachte ich ihn, schräg unterhalb meines Balkons, mitten auf der Straßenkreuzung. Richtig, dort wohnt der Hund, auf der Kreuzung zweier Straßen. Zuerst habe ich das auch nicht geglaubt. Na gut, dachte ich, es ist bald Mitternacht, nicht mehr viel los da unten, aber ist das nicht etwas leichtsinnig..?

hund 4Es mag sein Lieblingsplatz sein, aber wohnen kann man nicht auf einer Straßenkreuzung.

Dann, in der Morgendämmerung, die erste Nacht war etwas unruhig, traue ich meinen Augen nicht: Der Hund, kaum größer als eine Katze, grau und unscheinbar, lag immer noch auf seinem Platz – und schlief. Hatte er etwa die ganze Nacht dort gelegen? Es müssen doch Autos durchgefahren sein. Jetzt kam ein Straßenkehrer und schob müde seinen Karren vor sich her, direkt auf den armen Hund zu. hund 3Er wird doch nicht..! Nein, ohne auch nur hinzusehen ein kleiner Bogen und vorbei. Mir dämmerte: Da liegt eben der Hund, jede Nacht, jeden Morgen, immer! Aber jetzt begann langsam der Verkehr. Nun wird er doch wohl den Platz räumen. Tut er aber nicht. Bei Bussen oder Lastwagen, dann ja. Mit beängstigender Langsamkeit hebt er seine steifen Knochen und schleppt sich ein paar Meter davon. Normale Autos scheinen ihm nichts auszumachen. Da bleibt er liegen. Und tatsächlich, im letzten Moment weichen sie aus. Er scheint aber seine Pappenheimer zu kennen; denn manchmal trottet er doch davon. Sind das die Autos, die nicht ausgewichen wären? Oder wollte er sich nur die Beine vertreten?

Bei Fußgängern ist es ähnlich. Hier im Herzen Centro Havannas halten sich Passanten und Autos die Waage. Auch den Fußgängern würde ich nicht trauen, als räudiger Hund. Die Leute haben ja auch ihre Sorgen. Und räudig ist er wirklich. Schmutzig und löchrig sein Fell, wund die Knie, kahl die Ohren. Doch nichts hält ihn davon ab, immer mit dem Schwanz zu wedeln bei jedem seiner lahmen Schritte und freundlich in die Gesichter zu schauen, die niemals seinen Blick erwidern. Niemals nimmt jemand Notiz von diesem elenden Hund, und sooft er auch im Weg liegt, so macht doch jeder einen Bogen und lässt ihn liegen. Wie macht er das nur? Wird nicht beachtet – und doch geschont.

hund 1Sein Alter beweist: Zehn, zwölf Jahre läuft das schon so, und eigentlich kann das nicht sein. So muss es aber sein, denn es vergeht kein Abend, an dem er sich nicht schlafen legt mitten auf der Kreuzung und es kommt kein Morgen, an dem er dort nicht aufsteht. Es funktioniert! Er lebt nicht wie andere Hunde unter einer Treppe in irgendeinem Hausflur. Nein, er wohnt mitten auf einem der belebtesten Plätze des Viertels und alle machen einen Bogen! Das soll mir mal einer erklären. Wer diesen Hund erklärt, erklärt das Leben. Lache nicht! Genau darum geht es: Wie? Warum? Dort? Er kann nicht bis drei zählen, der räudige Hund, aber er kann so leben und wohnen auf einer Straßenkreuzung.

Nur bei Regen, klar, da macht sich der Hund aus dem Staub.

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