Arbeit

Nie zuvor ist mir an einem bewohnten Ort so viel Zerfall, Schutt, Abraum, Müll und Dreck begegnet...

arbeit 4

Lumpen, verdorbene Lebensmittel, zerborstene Steine, Glassplitter, zerrissene Kartonagen und dreibeinige Stühle. Löcher in Straßen, Bürgersteigen und Wasserrohren, in Hauswänden, Fenstern und Türen, platte Reifen, abgebrochene Rückspiegel, zersplitterte Scheinwerfer, Autowracks und verbogene Fahrräder. Aber gleichzeitig habe ich auf offener Straße noch nie so viele Menschen arbeiten sehen. Fegen, Hämmern, Klopfen, Flexen, Sägen, Rauf- und Runterschleppen, Fegen, Auf- und Abladen, Schieben, Schweißen, Schrauben, Fegen, Hacken, Fegen, Spalten und Fegen. Der Lärm geht durch Mark und Bein. Hier wird Lärm nicht gemacht, sondern neu erfunden. Krach, der noch nirgendwo erschallte: Hier wird er entdeckt, wiederholt und in die Luft gemeißelt, bis man ihn nie mehr vergisst. arbeit 2Kahle Wände schleudern den Schall in alle Richtungen. Alles ist kaputt, und überall wird gearbeitet mit ungeheurem Fleiß. Paarweise schaufeln Bagger und Laster den Schutt weg. Hausfrauen kehren die Bürgersteige. Abgemagerte Pferde ziehen überladene Karren. Taxifahrer liegen unter Oldtimern und schleifen Bremsscheiben. Krüppel waschen Autos. Schreiner reparieren Fensterrahmen. Schuster besohlen vor den Türen Schuhe. Monströse Wasserspeicher werden mit Seilwinden auf Dächer gehievt. Presslufthämmer reißen den Asphalt auf, Veteranen der Revolution sammeln Altmetall. Und doch ändert sich nichts an dem Elend. Egal wie viel Mühe, Schweiß und Arbeit der Tag gekostet hat, über Nacht ist der ganze kaputte Kram mitsamt seinen Löchern wieder da, verschoben nur, wenn nicht mehr vor diesem Haus, dann vor dem nächsten oder gleich um die Ecke. Es ist ein vollkommenes Rätsel, hoffnungslos und niederschmetternd.

arbeit 3Schamhaft, mit gesenktem Kopf, schleiche ich durch die Gassen. Ich sehe ja, wie viel hier geschuftet wird und will gerne den Müll vor meinen Füßen übersehen und so tun, als stänke er nicht. Er ist aber nicht zu übersehen und sieht man nicht hin, stolpert man drüber. Und die Nase, die zieht nun mal Luft. Können sie den Hunden nicht wenigstens verbieten, überall noch dazwischen zu scheißen? – Ein kultivierter Gedanke. Vorwurfsvoll hebe ich den Blick. Dabei schießt mir die Frage durch den Kopf, welche Verdienste ich eigentlich trage an den sauberen und ordentlichen Verhältnissen vor meinem Haus in der Heimat? Mir fällt die Lastschrift ein, die ich vor dreißig Jahren ausgefüllt habe. Gerne würde ich daraus eine Leistung ableiten; dabei weiß ich nicht mal, wie hoch der Betrag ist. Aber ich habe es geahnt: der Betrag entspricht dem doppelten kubanischen Jahresverdienst.

arbeit 1Also halt´ die Klappe, wohlmeinender Besucher aus München, Frankfurt oder Saarbrücken! Erspare den Einheimischen Deine Empfehlungen, und frage Dich lieber, wie tüchtig und fleißig Du wärest, wenn Dein Name an einer dieser verrotteten Wohnungstüren geschrieben stünde und der hübsche weinrote Pass nicht in Deiner Tasche stecken würde.

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